Archiv für: Januar 2008

13.01.08

Permalink 15:36:30, von tastenmeister Email , 2291 Wörter, 197 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Science-Fiction

Flucht ins 23. Jahrhundert/ Logan's Run

Der amerikanische Science-Fiction-Film von 1976 basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von William F. Nolan und George Clayton Johnson; der Film schwächt zwar die deutliche Sozialkritik etwas ab, sie bleibt jedoch immanent: Eine nicht datierte, ferne Zukunft in der niemand mehr als 30 Jahre alt werden darf und darauf getötet wird. Der Film war trotz 9 Millionen Dollar Produktionskosten (was nur unwesentlich weniger war als Krieg der Sterne) ein großer kommerzieller Erfolg, so dass darüber hinaus eine 14-teilige Fernsehserie produziert und mehrere Comics, u. a. von Marvel, veröffentlicht wurden. Die Sets bestehen aus aufwändigen, futuristischen Kulissen und Modellen einer von der Außenwelt abgeschnittenen Kuppellandschaft, welche auf damalige Zuschauer sehr überzeugend wirkten, im Zeitalter von Computeranimationen einen eher komischen und anachronistischen Eindruck hervorrufen, einen „trashigen“ 70er-Charme.

Das Alter eines jeden Bewohners der Stadt ist an einem Kristall in der Handfläche abzulesen, der mit dem erreichen des achten Jahres gelb, mit dem des sechzehnten grün, mit dem des dreiundzwanzigsten Jahres rot wird und mit 30 zu blinken beginnt, „abgelaufen“ ist. Überdies hat jeder Einwohner eine uniformartige Kleidung in der Farbe seines Lebenskristalls zu tragen. Die „Erneuerung“ wird im so genannten „Karussell“ vollzogen, einer Art Arena, in der der Tod als euphorisches religiöses Ritual, oder Wiedergeburt, inszeniert wird. Die hinter Masken anonymen Sterbenden werden vom ekstatischen Publikum angefeuert, der Vorgang wird als „Emporsteigen“ euphemisiert.
Nichtsdestotrotz erscheint die Welt anfangs noch als paradiesische, perfekte Utopie der 70er mit frei verfügbaren Drogen und freier Liebe. Schnell werden jedoch die Zweifel offensichtlich: Kinder werden nicht geboren, sondern in „Brütern“ (Brutkammern) gezeugt und nicht von Eltern erzogen („Kann der Brüter eine Mutter ersetzen?“). Das System beraubt den Menschen somit einer der ursprünglichsten Aufgaben, der Reproduktion, Sexualität wird auf reine Lustfunktion reduziert; Frauen werden zu Prostituierten in einer patriarchalen Gesellschaft herabgesetzt. Ein Computer („Servomechanismen“) überwacht die Welt und beauftragt Sicherheitsleute, die „Sandmänner“, solche, die nicht an die Erneuerung glauben, „Läufer“, zu eliminieren. Mit Sandmann wird euphemistisch Schlaf assoziiert, gemeint ist jedoch die Exekution der Abtrünnigen, mit Läufer wird die Abwendung vom System auf den Begriff der Flucht reduziert. Dieser Funktion kommen die Protagonisten des Films zu Anfang hingebungsvoll nach: Die Sandmänner Logan 5 (Michael York) und Francis 7 (Richard Jordan) – alleine in der Nummerierung zeigt sich die Erbarmungslosigkeit und Allgegenwart des Systems – eliminieren einen Läufer in einer geradezu sadistischen Verfolgungsjagd: „Der war lustig, was? [...] „Die Abwechslung war hübsch, nur zu kurz.“ kommentiert Francis die Tötung; der Leichnam des Läufers wird kurze Zeit später von einer Drohne mit Säure aufgelöst.
Es ist ein System von totalitärer Struktur (was bereits in der räumlichen Abgeschieden- und Abgeschlossenheit ikonisch dargestellt ist), Freiheiten sind ganz im Sinne von Adornos Verständnis von Aufklärung als Element von Herrschaft zu verstehen.

Die Läufer sind eine Gemeinschaft, die über eine „Zuflucht“, auch Sanktuarium genannt philosophieren. Sanktuarium bedeutet Altar(raum), was eine der vielen religiös geprägten Vokabeln des Films darstellt; Logan’s Run fungiert als Erlösungsgeschichte oder zumindest als Flucht in die Spiritualität vor einer sinnentleerten Realität. Sanctuary (engl.) steht jedoch auch ganz konnotationsfrei für Asyl, Zuflucht. Logan erhält vom Computer den Auftrag die Läufer zu infiltrieren und ihr Sanktuarium auszumachen; dafür wird sein Kristall von 26 auf 30 gestellt, d. h. sein Leben verkürzt. Die Frage, ob er die verlorenen Jahre zurück erhält, bleibt unbeantwortet.
Zu Anfang ist er noch ein loyaler Sandmann, nimmt begeistert am Erneuerungsritual teil und die Tötung von Läufern mit Beflissenheit wahr: „Ich habe eine Aufgabe und die muss ich erfüllen. Sandmänner eliminieren Läufer. Das ist unsere Pflicht.“ Er lernt Jessica 6 (Jenny Agutter) kennen, die sich nicht auf das erwünschte nihilistische Liebesspiel einlassen will, da ihr Freund erneuert wurde und sie um ihn trauert. Sie bezeichnet dies gegenüber Logan konkret als Tötung, worauf er noch mit Unverständnis reagiert. Sie ist ihm gegenüber kritisch, da er ein Sandmann ist und fragt ihn warum Läufer ausgelöscht werden müssen, worauf Logan erwidert: „Es ist verboten darüber nachzudenken. Für diese Frage müsste ich dich melden. [...] Du darfst nur an die Erneuerung denken.“
Jessica ist Teil der Läuferbewegung und Logan wird nach einiger Überzeugungsarbeit in deren Gemeinschaft aufgenommen. Er beginnt allmählich an der vom System prädestinierten Existenz zu zweifeln. Bei seiner Flucht exekutiert er in den slumähnlichen Vorstadt, die „Kathedrale“, in die die „Rebellen“ verbannt werden (Logan, noch in seiner Rolle als Sandmann: „Sie gefährden unseren Staat. Da unsere Gesellschaft keinen Platz für Außenseiter hat, sind sie dorthin verbannt worden.“), eine Läuferin nicht, was seinen nicht eingeweihten und systemloyalen Freund Francis, der ihm auf den Fersen ist, schließlich gegen ihn aufbringt. Logan will sich nun bei einem Arzt das Gesicht verändern lassen; dieser erhält indessen den Auftrag ihn zu töten. Logan kann den Arzt jedoch überwältigen, ebenso wie Francis und entkommen.
Logan und Jessica setzen ihre Flucht (durch eine skurrile Liebeshöhle) fort und gelangen in die Katakomben unterhalb der Stadt.  Dort werden sie von den Sandmännern aufgespürt, können jedoch erneut entkommen und geraten in einer Eislandschaft in die Fänge des skurrilen Androiden „Box“, der die Läufer einfriert und „haltbar“ macht. Sie können diesen niederringen und können die Welt außerhalb der Kuppeln erreichen: Es erwartet sie eine ungewohnte, blutrote, untergehende Sonne, eine wilde ungezähmte Natur – ein scharfer Kontrast zur hellen und kalten Eiswelt von Box.
Nach einigen Tagen Fußmarsch, während dessen die Kristalle ihre Funktion verlieren, erreichen sie die Überreste einer Stadt, erkennbar als Washington D.C. – zu sehen sind das Washington Monument und das überwucherte Lincoln Memorial (als prototypisches Symbol für den Verfall aller (amerikanischen) Werte). Sie treffen schließlich in einem verfallenen Haus auf einen unter zahlreichen Katzen lebenden alten Mann (brillant: Peter Ustinov), den sie ob seines Alters fasziniert betrachten und berühren: Ihnen wird nun die Willkürlichkeit ihres Systems bewusst.
In Gesprächen mit dem alten Mann erfahren sie von elementaren menschlichen und gesellschaftlichen Ritualen und Prozessen, wie Geburt, Heirat oder Begräbnis, die bereits in Vergessenheit geraten sind. Francis ist ihnen gleichwohl gefolgt und fühlt sich – alle Zeichen, wie z. B. seine funktionslose Lebensuhr, ignorierend – weiter dem System verpflichtet. In einem Kampf muss Logan Francis (mit einer amerikanischen Flagge!) töten.
Allmählich begreifen Logan und Jessica auch, dass die Zuflucht nur ein Synonym für die Welt außerhalb ihrer hermetischen Existenz ist. Logan beschließt in die Stadt zurückzukehren und die Menschen dort zu informieren, der alte Mann begleitet sie als „Beweis“. Sie gelangen über einen gigantischen Trichterbrunnen (der in den Fort Worth Water Gardens, Dallas, Texas zu finden ist) zurück in die Stadt. Ein erster Versuch die Bewohner zu überzeugen misslingt und sie werden festgenommen. Logan wird vom Computer verhört, bringt das System durch die Negation einer Zuflucht zum Zusammenbruch („Diese Antwort ist nicht programmiert“), worauf die computerisierte Stadt kollabiert und die Menschen in Panik davonrennen müssen. In der Abschlussszene umringen sie erstaunt den alten Mann im Trichterbrunnen.

Der Film spielt mit der Idee einer Welt voller Glückseligkeit, die letztlich nur oberflächliches Blendwerk bleibt. Dahinter steht ein totalitäres System, optisch indiziert durch ein Leben unter einer abgeschlossen Kuppel und die Kristalle, die jedes Mitglied der Gesellschaft penetrieren, uniforme Kleidung und Gedanken. Das Hinterfragen der „Erneuerung“, dem Sinn des Lebens, der Blick aus der Höhle ist verboten: „Aufklärung hat die klassische Forderung das Denken zu denken [...] beiseite geschoben.“ (Adorno, Dialektik der Aufklärung) Das System übernimmt schließlich auch die Reproduktion, Sexualität ist pures Vergnügen, Selbstzweck; Leben verkommt zum bloßen Vegetieren, wird rationalisiert, „die Beherrschung der Natur [... wird] zum absoluten Lebenszweck gemacht.“ (Adorno)
Das Zwischenmenschliche verkümmert und gerade Jessica sehnt sich unter der Kuppel zuerst latent, später umgeben von der ungezähnten Natur oder Natürlichkeit manifest nach vermeintlich bourgeoisen Werten wie Zweisamkeit (vs. Polygamie), Liebe (vs. gelebte Sexualität) und Ehe (vs. freie Liebe). Diese Debatte antizipiert Lebensläufe und Doppelmoral vieler 68er. Dass ausgerechnet eine Frau diese Werte kolportiert, könnte man als Wunsch nach einem klassischen KKK-Frauenbild interpretieren, ebenso aber als positive Darstellung weiblicher Intuition (was unter feministischen Gesichtspunkten ebenso kritisch ist).
Die neuen „Freiheiten“ fungieren nur als Vehikel von Herrschaft: Die Annehmlichkeiten dienen nur der Verschleierung, Aufklärung regrediert zum rudimentären Instrument der Macht, bemüht Ritus und Mythos. Demokratische Maßstäbe wie persönliche und politische Freiheiten, Pluralität, politische Partizipation und ein signifikanter Wettbewerb einer politischen Elite spielen keine Rolle. Die Totalität offenbart sich in der Allgegenwart von Herrschaft; so wähnt Francis selbst im Angesicht der wilden Natur, der „Wahrheit“, des funktionslosen Kristalls und des alten Mannes weiter im Dienst des Systems. Ähnlich verhalten sich nordkoreanische Flüchtlinge, die trotz Abwesenheit des Unterdrückungsapparats immer noch den Diktator Kim Jong-il verehren. Francis’ Hingabe reicht so weit, dass er bereit ist dafür zu sterben; vielleicht ist dies auch der verzweifelte Versuch im Angesicht der Niederlage aufzubegehren. Diese Erfüllung und das Verständnis von Pflicht stellen darüber hinaus eine Kontinuität zum Dritten Reich her, gleichermaßen wie die optische Klassifizierung der Menschen und die Kontrolle durch einen „Apparat“. Teil dieser Analogie ist auch die euphemistische, verklärende und pseudo-religiöse Rhetorik.
Die Autoren der Filmvorlage formulieren eine deutliche Kritik an den utopischen Vorstellung der 60/70er-Jahre-Hippiebewegung und deren Werten, die sie quasi als Idealtyp übersteigern: Freie Liebe resultiert in Kinderlosigkeit resultiert in Brutkammern resultieren in elternlose(r) Gesellschaft resultiert im Zerfall sozialer Bindungen resultiert letztlich im Untergang der freien (amerikanischen) Gesellschaft. Hierzu gehört auch die positive Darstellung der Alten als zentrale Wissensträger gegenüber einer rebellischen Jugendkultur wie in den 60er-/70er-Jahren, einer Kultur in der die Handlungsimpulse von jungen Menschen ausgehen, die im Film repräsentiert ist.
Diskutiert wird auch der Umgang mit Andersdenkenden: Nonkonforme werden in die „Kathedrale“ abgeschoben oder gejagt, getötet und vernichtet; überträgt man diese Konstellation auf die politische Realität (der 70er-Jahre), wird hier also auch der Umgang der bürgerlichen (US-) Gesellschaft mit Randgruppen wie Hippies, Rockern oder Punks hinterfragt. Positiv konnotiert wird auch das Verhältnis der Hippie-Bewegung zur Natur und Natürlichkeit; ganz oberflächlich im Kontrast der aseptischen Kuppelgesellschaft zur wuchernden Natur außerhalb, aber auch in der eintretenden Gesinnungsänderung von Logan und Jessica, die zuerst Teil eines artifiziellen Systems sind, dann aber eine zwanglose und willensfreie Form der Existenz wählen (dargestellt z. B. durch das Liebesspiel im Wasser). Nicht das aufklärerische Verständnis im Sinne von „Mitte“ oder „Balance“, sondern „Ursprünglichkeit“ oder „Originalität“ sind Ausdruck der Natürlichkeit.
Ein weiteres angrenzendes Themenfeld ist der Kampf Mensch vs. Maschine am Schluss des Films. Der Mensch geht hier als Sieger hervor, der Computer kollabiert angesichts einer nicht programmierten Antwort. Zwar waren Heimcomputer 1976 noch wenig leistungsfähig, was sicher auch das Ende des Films und das Verständnis von Computern allgemein prägte, allerdings ist davon auszugehen, dass hier der Sieg der Natürlichkeit, des Individuums, der Menschlichkeit verdeutlicht werden soll.

In Logan’s Run werden zahlreiche Themen diskutiert, darunter zahlreiche politische und philosophische Diskurse: Grundlegend das Hinterfragen der eigenen Existenz und deren Umstände, das den Menschen im Zuge der Aufklärung zur Demokratie geführt hat. Der Film zeigt die Konsequenzen auf, wenn ein System jene Fragen unterdrückt und unter dem Deckmantel der Rundumversorgung die Rolle einer rücksichtslosen göttlichen Instanz einnimmt; das Individuum wird so weit manipuliert, dass es über den Wirkungsradius des Systems hinaus in dessen Bann bleibt. Von hier aus wird die Debatte weitergeführt zu immanent politischen Themen wie eine Kritik der Hippiebewegung, der westlichen Gesellschaften im Allgemeinen und der US-amerikanischen im Besonderen.
Aufklärung wird dabei differenziert erörtert und selbstkritisch hinterfragt. Die Wirkung des Films resultiert nicht aus einem plakativen Antagonismus von Freiheit und Zwang, sondern aus dem komplizierten Mechanismus von unfreier Freiheit und freier Unfreiheit. Eine motivliche Kontinuität ist in Running Man zu finden.

Permalink 15:19:40, von tastenmeister Email , 1446 Wörter, 218 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Science-Fiction

Running Man

Auch Running Man von 1987 mit Arnold Schwarzenegger in der Rolle des Ben Richard thematisiert das Motiv „Laufen“ oder „Rennen“, genauer gesagt das „Davonrennen“ vor einem tyrannischen Staat und einem omnipotenten Mediensystem. Allein die Wahl Schwarzeneggers stellt klar, dass es sich im Gegensatz zu Logan’s Run nicht um eine sensible, philosophische Studie handelt, sondern primär um einen kurzweiligen, unterhaltsamen Action-Film. Der Film basiert lose auf einer Romanvorlage gleichen Titels von Stephen King; es existiert daneben auch eine themengleiche deutsche Verfilmung Das Millionenspiel (1970).

Running Man spielt 30 Jahre in der damaligen Zukunft, also 2017, und entwirft ein dystopisches Szenario: Die Weltwirtschaft ist zusammengebrochen, Nahrungsmittel und Rohstoffe sind knapp. Das System befindet sich im permanenten Krisenzustand, das Militär hat die Kontrolle, es herrscht eine drastische Zensur, ein Polizeistaat, eine Militärdiktatur. Über die permanent im Hintergrund laufenden Großbildschirme erfährt der Zuschauer, dass es Prämien für die Denunzierung von Familienmitgliedern gibt und dass die Überschreitung der Sperrstunde lebenslängliche Haft zur Folge hat.
Der Militär und Helikopterpilot Ben Richard weigert sich bei einem Einsatz auf um Nahrung kämpfende, wehrlose Menschen zu schießen. In den Medien wird das Material manipulativ zusammen geschnitten, so dass der Eindruck entsteht, Richards habe das Massaker trotz gegenteiligem Befehl verübt, so dass er zu Haft in einem Arbeitslager verurteilt wird.
Besondere Kritik wird beständig an den omnipräsenten Unterhaltungsmedien, besonders dem Fernsehen geübt; es fungiert als Moment der absoluten Kontrolle: „Sehen heißt glauben“ informiert ein Beitrag in einem im Hintergrund laufenden Fernseher. Die Shows heißen „Klettern für Dollar“ (Kampfhunde, vor denen der Kandidat davon klettern muss) oder „Running Man“, ein Gladiatorenkampf in dem die Kandidaten von „Bluthunden“ genannten Kämpfern gejagt und getötet werden, vom Moderator Damon Killian (Richard Dawson) euphemistisch als „Kontaktsport“ bezeichnet. Gefangene haben durch Teilnahme an der Show die Möglichkeit Schuld abzuleisten (so Killian), sie findet in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium statt; dahinter steht die Vorstellung eines übermächtigen Mediensystems als entscheidende Institution.
Richards kann mit zwei weiteren Gefangenen, William Laughlin (Yaphet Kotto) und Harold Weiss (Marvin J. McIntyre) – beide Teil einer Rebellenbewegung gegen den omnipotenten Staat, aus dem Arbeitslager fliehen und versucht bei seinem Bruder Unterschlupf zu finden. Dieser wurde aufgrund der Inhaftierung Richards’ deportiert und Richards trifft in dessen Wohnung stattdessen auf die Journalistin Amber Mendez (Maria Conchita Alonso), die er entführen muss, um nicht verraten zu werden. Er wird bei der weiteren Flucht dennoch Dingfest gemacht und der einflussreiche und beliebte Killian übt Druck auf das Militär aus, so dass Richards an der Show teilnehmen darf. Er erpresst Richards an der Show teilzunehmen, indem er Laughlin und Weiss in die Show holt, die ohne ihn kaum eine Überlebenschance haben.
Die Festnahme Richards wird erneut dramatisiert und manipulativ aufgearbeitet, angeblich hat Richards bei seiner Festnahme Unschuldige ermordet. Die Geisel Mendez weiß jedoch um den tatsächlichen Ablauf dieser und zweifelt an der offiziellen Darstellung. Sie beginnt Nachforschungen anzustellen und findet im Sender Beweise für die Manipulation.
Richards muss währenddessen in einer unterirdischen Kampfarena erst auf einer Eisbahn „Subzero“, einen Eishockeyspieler mit explosiven Pucks, dann den Jäger „Buzzsaw“, mit Motorrad und Kettensäge (welchen Richards mit der eigenen Säge zerteilt), bezwingen. Mittlerweile wird die beim Nachforschen erwischte Amber Teil der Show und in die Arena geschickt.
Weiss entdeckt eine Übertragungsstation und knackt deren Code, damit die Rebellenbewegung Botschaften an die Bevölkerung adressieren kann, wird jedoch kurz darauf vom Opern singenden Jäger „Dynamo“ (der Stromschläge als Waffe nutzt) getötet. Richards verschont Dynamo, wird dafür vom Publikum aber ausgebuht. Killian bietet Richards einen Platz als Jäger in Show, was dieser jedoch ablehnt. Er kann auch „Fireball“ (mit Flammenwerfer) bezwingen. Amber findet inzwischen in den Katakomben die Leichen der angeblichen früheren Gewinner der Show. Das nationale Vorbild „Captain Freedom“, ein muskulöser Fernseh-Fitnesstrainer und Topjagdhund, verweigert sich dem Abschlusskampf, worauf der Sender einen computergenerierten Kampf zeigt, aus dem Freedom als Sieger hervor geht.
Mit Hilfe des von Weiss ermittelten Übertragungscodes können Rebellen das von Amber recherchierte Material über den tatsächlichen Hergang des Massakers senden. Kurz darauf stürmt Richards mit einigen Rebellen die Show, worauf Sicherheitskräfte rücksichtslos um sich schießen. Diese werden bezwungen und Richards tötet Killian, indem er diesen mit dem sicherungslosen Raketenschlitten, der die Kandidaten in die Arena transportiert, an einer Wand mit einem Plakat, das Killians eigenes Konterfei zeigt, explodieren lässt. 

Kern des Films ist eine weit reichende Medienkritik, insbesondere die Manipulationsmöglichkeiten durch (digitale) Technik; diese macht sich insbesondere der Staat zunutze, um die Menschen zu paralysieren und zu dominieren. Die Massen akzeptieren Brot und Spiele willig, feiern Running Man und verleihen der Sendung einen quasi-religiösen Status (ein Fan zu Killian: „Gott segne sie“). Dabei entlarvt der Name des Moderators ihn als falschen Messiahs: Er ist kein Heilsbringer, sondern ein Unglücksbote, ein Dämon (daemon = engl. Dämon). Nachdem Richard Subzero überwältigt, trauert das Publikums paradoxerweise trotz des unfairen Kampfes um den Bluthund. Während der Show verlost der Moderator permanent Gesellschaftsspiele passend zur Sendung, um die Begeisterung und Täuschung zu maximieren.
Kurz vor seinem Tod holt der Moderator zu einem langen Monolog aus, der den Zustand des amerikanischen Mediensystems treffend beschreibt: „Das ist hier ist Fernsehen und das ist halt so. Das hat nichts mit Menschen zu tun, nur mit Zuschauerquoten. Seit 50 Jahren sagen wir ihnen was sie essen, was sie trinken und was sie anziehen sollen. [...] Amerikaner lieben das Fernsehen, sie ziehen ihre Kinder damit groß. [...] Die lieben Spielsendungen, die lieben Catcher, die lieben Sport und Gewalt. Und was machen wir? Wir geben ihnen was sie wollen!“ Mehr denn je ist das Fernsehen im 21. Jahrhundert der Big Brother der Nation: Erfolgreich konnte man die Menschen mit dem Trauma von 9/11 im Hinterkopf auf den Waffengang im Irak einstimmen, indem man den falschen Eindruck erweckte, es bestünde ein Zusammenhang zwischen Saddam Hussein und Al-Quaida.
Medien konstituieren in Running Man die Realität, aber nicht in einem Sinne einer vierten Gewalt, nicht als Instrument zur Information oder Meinungsbildung, eher als Tranquilizer und Steuerungsinstrument. Maßgebliche Instanzen sind Wirtschaft und Staat, den Medien kommt die Rolle zu, das Funktionieren dieser Diktatur zu garantieren und zu maximieren und mit Unterhaltungsshows die Menschen zu lähmen, die diese Rolle willig billigen. Hier standen offensichtlich die vor den 70er-Jahren populären senderfixierten medialen Wirkungstheorien Pate, die erst später um rezipientenorientierte ergänzt wurden. Im Mittelpunkt dieser Theorie stehen Konsumsteigerung, Kontrolle (nicht der Herrschenden, sondern der Menschen) und die Befriedigung niederer Instinkte.
Das präsidentielle System der USA mit seiner Fokussierung auf starke Rolle des Präsidenten mit weit reichenden Kompetenzen und einem entsprechenden personalisierten Wahlkampf ist dabei besonders anfällig für symbolische Politik (nach Thomas Meyer) und politisches Agenda-Setting, insofern hat die überspitzte Darstellung nichtsdestotrotz einen gewissen Realitätsgehalt. Das im Film dargebotene Szenario legt eine „2/3-Gesellschaft“ zugrunde, der zufolge ein Großteil der Gesellschaft prekarisiert und marginalisiert wird (die Menschen, die in der Anfangsszene einen Existenzkampf um Nahrungsmittel führen oder inhaftiert werden), während einer kleiner werdender Teil, die „Symbolanalytiker“ (nach Robert B. Reich „wissensintensive Dienstleister“), von den Veränderungen profitieren.

Running Man weißt sicher nicht den Tiefgang von Logan’s Run auf, bietet für einen Actionfilm doch erstaunlich kritisches Potenzial. Logan’s Run erörtert die an mit einer gesättigten, aber kontrollierten Überflussgesellschaft verbundenen philosophischen Fragen, während Running Man das gegenteilige Szenario einer autoritären und medienfixierten Zweidrittelgesellschaft zum narrativen Hintergrund macht. Entscheidend für die unterschiedlichen Herangehensweisen dürft auch sicher der zeitgeschichtliche Hintergrund sein: Standen für Logan’s Run Hippieutopien und 68er-Philosopie Pate, waren es im Fall von Running Man eher die praxis- und ramboorientierten 80er Jahre, geprägt vom Afghanistankrieg, Nato-Doppelbeschluss und Bush. Wiederum eine andere Richtung schlägt Die Insel (2005) ein.

Permalink 15:01:05, von tastenmeister Email , 1966 Wörter, 284 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Science-Fiction

Die Insel (2005)

Die Insel von 2005 ist ebenfalls ein Film, der das Davonlaufen vor einem mörderischen System darstellt, was einen Schnittpunkt mit Logan’s Run und Running Man darstellt. Dass die Protagonisten erneut in einer Arkologie leben, ist eine weitere Ähnlichkeit zu Logan’s Run. Dieser wird neben Saat des Wahnsinns (1979) als Haupteinfluss genannt, allerdings wird thematisch ein anderer Schwerpunkt gesetzt.

Fokus der im Jahr 2019 (2 Jahre nach Running Man) spielenden Handlung ist das Klonen von Menschen. Lincoln Six Echo (Ewan McGregor) und Jordan Two Delta (Scarlett Johansson) leben in einer von der Außenwelt hermetisch abgeschotteten Sphäre; begründet wird dies mit einer Kontamination der Umwelt. Die Menschen dort tragen alle die gleiche, klinisch weiße Uniform, die sich nur anhand der Streifen unterscheiden, sie werden permanent überwacht, ihre Biowerte (z. B. der Urin) überprüft, ihre Ernährung hat ausgewogen zu sein, im Zweifelsfall werden Mikrosonden in den Körper implantiert, die alles aufzeichnen, kurzum: absolute Kontrolle. Es herrscht ein Kontaktverbot zwischen Männern und Frauen, folglich auch ein Beziehungs- und Sexualverbot.
Der daraus resultierende trübe Alltag soll durch die so genannte „Lotterie“ mit Sinn erfüllt werden; den Gewinnern wird versprochen auf eine paradiesische Insel außerhalb zu gelangen. Als Jordan als Gewinnerin ausgelost beginnt der ohnehin misstrauische Lincoln Nachforschungen anzustellen; angetrieben wird er von kryptischen Träumen, in denen er sich auf einer Yacht befindet, herunterstürzt und ertrinkt, sowie dem Fund einer Motte, die aufgrund der Verseuchung gar nicht existieren dürfte. Er lässt die Motte fliegen, folgt ihr und gelangt dabei in einen medizinischen Komplex. Dort erlebt er, wie zwei Lotteriegewinner (eine Schwangere und ein Farbiger) getötet werden (um das Kind des Klons an Auftraggeber zu übergeben bzw. um Organe zu entnehmen) und realisiert, dass sein bisheriges Leben ein Konstrukt war.
Er beschließt mit Jordan zu fliehen; auf der Flucht stellt er fest, dass die Umgebung in der unterirdischen Anlage holografisch projiziert wird. In einer Bar versuchen die beiden Kontakt zu McCord (Steve Buscemi), einem Techniker der Anlage, mit dem er sich angefreundet hat, aufzunehmen. Er hilft ihnen und erklärt, dass sie Klone sind und als „Ersatzteillager“ für ihre Pendants dienen. Lincoln und Jordan werden von den skrupellosen Killern eines „Sicherheitsunternehmens“ unter der Führung von Albert Laurent (Djimon Hounsou) gejagt. Sie beschließen Kontakt zur ihren „Sponsoren“ aufzunehmen, erhoffen sich von diesen Hilfe bei der Bekanntmachung des Skandals. McCord wird von Sicherheitsleuten getötet, Jordan und Lincoln können entkommen.
Jordan stellt nach der Ankunft in LA auf einem Plakat fest, dass ihr Auftraggeber ein Modell ist. Sie ruft ihr Original an und findet heraus, dass ihre Auftraggeberin ein Kind hat und im Krankenhaus liegt. Lincoln trifft indessen auf sein Original Tom Lincoln, Designer für Motorräder, Boote etc.. Lincoln und Jordan wollen sich zusammen mit ihm an die Medien wenden, er hintergeht sie gleichwohl und informiert den Leiter des Kloninstituts Dr. Merrick (Sean Bean); bei einer Verfolgungsjagd werden die beiden verwechselt und Tom Lincoln getötet.
Lincoln begibt sich zurück in den Komplex, mit der Absicht den holografischen Projektor zu zerstören und den anderen Klonen die Augen zu öffnen. Dort hat man indes herausgefunden, dass einige Generationen von Klonen ein unerwünschtes eigenes Bewusstsein entwickelt haben, weshalb Dr. Merrick beschließt diese zu vernichten, ergo töten zu lassen: Klone im frühen Stadium werden per Giftspritze getötet, die Aktiven werden per „Massenauslosung“ von den nicht betroffenen „Modellen“ getrennt und sollen vergast werden. Der Kopfgeldjäger Laurent, afrikanischen Ursprungs, kann Dr. Merricks Gebaren nicht weiter unterstützen und hilft Jordan bei der Befreiung der Klone. Lincoln kann währenddessen den Hologenerator zerstören; Merrick, welcher Lincoln daran zu hindern versucht, kommt dabei ums Leben. Die Abschlusssequenz zeigt die ins Freie geflohenen Klone, gleichsam dem aus Platons Höhle Entstiegene.

Nicht das gescheiterte Zusammenleben aufgrund radikaler utopischer Ideale wie in Logan’s Run oder die Flucht vor einem von einem brutalen Staat und seinen medialen Helfershelfern wie in Running Man, sondern von Kapitalismus und Größenwahnsinn Getriebene stehen in Die Insel im Fokus.
Die Flüchtenden sind dabei nur das Symptom; Ursache und Mittelpunkt ist die Gentechnologie und deren negative Konsequenzen: Menschen werden zu „Produkten“ (so der Jargon der Mitarbeiter der Klinik), zu Konsumgütern; wie diese werden sie mit Zahlen klassifiziert (Lincoln 6 Echo und Jordan 2 Delta), die Organentnahme wird zur „Ernte“. Damit wird die reale politische Debatte auf die Spitze getrieben: Diskutiert wird nicht über den Zeitpunkt wann ein Embryo als Lebewesen bezeichnet werden kann, der Mensch wird in seiner ganzen (Un)Vollkommenheit zur Ware.
Das Projekt ist weitestgehend auf die Federführung des plakativ diabolischen bzw. „göttlichen“ Dr. Merrick angewiesen. Ihm wird nicht nur von McCord ein „Gottkomplex“ unterstellt, auch Laurent betrachtet Merricks Selbstverständnis als Gott, als Richter über Leben und Tod, mit Argwohn. Seine Arbeit bezeichnet Merrick als „heiligen Gral“ (= Unsterblichkeit), er sieht sich konsequenterweise im Kampf mit Lincoln auch im Recht diesen zu töten. Seine Skrupellosigkeit stellt er unter Beweis als er beschließt Jordan ausweiden zu lassen, obwohl dies der Auftraggeberin nicht mehr helfen würde, da die Kunden ja dafür bezahlt hätten. Merrick symbolisiert archetypisch die Hybris der (Klon-)Medizin.
Der Film hebt hervor, dass Dr. Merricks Vorgehen illegal ist; auf der Werbeveranstaltung wird die Klonproduktion verharmlost; den Interessenten wird berichtet, die Klone würden nie ein Bewusstsein entwickeln (dies ist Notwendig, da Klone sich laut Aussage Merricks ohne Bewusstsein nicht entwickeln), keine Gefühle haben, in einer Art „Wachkoma“ vegetieren, alles andere würden die „eugenischen Gesetze“ von 2015 ja auch untersagen. Dass in einer unterirdischen Stadt mehrere tausend Menschen gezüchtet und gefangen gehalten werden, wird verschwiegen.
Die Mitarbeiter haben die Haltung gegenüber den Klonen als Produkte verinnerlicht und amüsieren sich z. B. über die verhinderte Flucht und gelungene Festnahme des Klons des Footballspielers Starkweather und verhalten sich gegenüber Jordan geradezu sadistisch. Diese Distanzierung und Bürokratisierung erinnert, besonders in der versuchten Vergasung, an das Dritte Reich und die Shoa.
Die erste Wachstumsphase verbringen die Klone in riesigen, fabrikähnlichen Produktionsstätten, in denen ihnen Gedanken implantiert werden und in denen sie beschallt werden: „Du bist etwas Besonderes.“ Nach der „Geburt“ werden sie an den Handgelenken wie Vieh, wie Gefangene in Konzentrationslagern gebrandmarkt und damit als Waren gekennzeichnet und als Menschen entwertet. Diese Gewissenlosigkeit ist es auch, die den farbigen Kopfgeldjäger Laurent auf die Seite der Unterdrückten wechseln lässt, da sein Vater war an der burkinischen Revolution beteiligt und deshalb getötet wurde, worauf seine Familie, d. h. Laurent und dessen Brüder wurden darauf gebrandmarkt und so als Ausgestoßene gekennzeichnet.
Bei soviel krimineller Energie kann man weder dem hintergangenen Verteidigungsministerium als maßgeblicher Sponsor des Instituts, als auch dem bekannten Footballspieler oder amerikanischen Präsidenten, die zu den naiven Kunden zählen und den alten amerikanischen Traum vom ewigen Leben (so McCord) verwirklichen wollen, keinen Vorwurf machen. Diese Elemente kolportieren das übliche Bild vom korrupten Staat oder einer korrupten Elite. Dies trifft ebenfalls auf das Bild einer zukünftigen permanenten Überwachung zu, die es dem Sicherheitsunternehmen erst ermöglicht Jordan und Lincoln auszumachen.
Zum Vorwurf kann man dem Film allerdings machen, dass er eine Konsumhaltung kritisiert (die von Menschen durch Menschen), aber im zweiten Teil des Films allerhöchstens cineastische Action-Konsumware bietet und v. a. kontinuierlich ein überaus offensichtliches Product-Placement stattfindet: Deutlich (und zum Teil mehrfach) zu sehen sind die Markenzeichen oder Produkte von Puma, Speedo, Calvin Klein, Reebok Microsoft (auch MSN und Xbox), Nokia, Cisco Systems, Apple, Chrysler, Mack Trucks, Chevrolet, Budweiser, die Eismarke Ben & Jerry's. Es entbehrt nicht einer gewissen Doppelmoral die Verdinglichung von Menschen anzuprangern und gleichzeitig den Film inhärent und bildlich zu einer Konsumshow zu machen. Dazu die TAZ vom 04. August 2005: "Die tiefe Wahrheit und ganz banale Enttäuschung solcher Gigaproduktionen liegt in ihrem selbsterklärenden Moment. Sie liefern nicht mehr als Affirmationen der Zustände, die sie vorgeblich kritisieren.“
Ein weiterer Kern ist der Konflikt zwischen Natur und Kunst, sowie der inhärente menschliche Drang nach Individualität. Lincolns Traum von der Renovatio (= Wiedergeburt) genannten Yacht, von der er ins Meer stürzt und zu ertrinken droht (eine Analogie auf die pränatale Existenz oder auch ein Echo der „Klonzucht“ in den fruchtblasenähnlichen Behältnissen), antizipiert das Ende des Films: Die Klone werden wiedergeboren, die Arkalogie gibt sie frei und sie werden Teil der bisherigen Außenwelt. Die Natur obsiegt, denn die „defekten Produktionsreihen“ erzeugen Erinnerungsmuster, es bilden sich Erinnerungsmuster der Originale in den Klonen – Tom Lincoln ist Designer und hatte die Renovatio entworfen, diese Erinnerungen wurde Teil von Lincoln Six Echos Gedächtnis. Der im Traum stattfindende Sturz ins kalte Wasser steht für einen Neuanfang, die Erstickungsangst symbolisiert das triste Leben in der Arkologie.
Das natürliche Kunstprodukt oder artifizielle Naturprodukt, ist von Beginn an ein Rebell: So hält er sich nicht an die strengen Regeln, will andersfarbige Schuhe, ernährt sich bewusst ungesund, weil es ihm gefällt, er übt im Gespräch mit Dr. Merrick Kritik an der omnipräsenten Kontrolle und hinterfragt deren Sinn und Zweck, ebenso selbigen der sinnlosen und stupiden Arbeit, er fragt McCord aus und macht sich mit Jordan Gedanken über die Existenz der Motte. Sein Interesse ist zwar auch auf den Entwicklungsstand zurückzuführen, der dem eines 15-Jährigen entspricht (so Merrick), aber auch dahinter steht der menschliche Erkenntnisdrang. Ein zartes, latentes Aufbegehren zeigt sich gleich zu Anfang des Films. Ein anderer Klon reagiert im Fahrstuhl aufgebracht auf die Lotterie; er lässt sich zwar rasch durch die Sicherheitsleute einschüchtern, doch es ist der Anfang vom Ende zu Anfang, „Ärger im Paradies“.

Die Insel ist als politisches Statement in der Genforschungsdebatte zu verstehen. Den postmodernen Ambitionen wird der Film nicht gerecht und zwischen Anspruch und Wirklichkeit, d. h. zwischen philosophischem Hintergrund und Hollywoodspektakel aufgerieben. Denn statt selbstironisch die Grenzüberschreitung zu thematisieren, belässt er es bei einer platten Produktshow mit weitgehend eindimensionalen Charakteren. So bleibt es beim approximativen Versuch, der niemals die philosophische Tiefe von Logan’s Run erreicht/ erreichen will, denn letztlich steht hier ein krimineller Akt (Die Insel) eingebetet in eine (gefährdete) Demokratie gegen ein totalitäres System (Logan’s Run), woraus sich ein qualitatives Ungleichgewicht der Thematik ergibt. Eine tiefgründige philosophische Debatte wie im Falle von Logan’s Run überschreitet die Grenzen der Substanz von Die Insel.
Dem gegenüber steht die autoritäre Mediokratie aus Running Man, die ebenfalls mehr narratives Vehikel als politologisches Element ist, eines gewissen kritischen Potenzials aber nicht entbehrt, dabei aber niemals den Anspruch eines philosophischen Diskurses erhebt. Gemein bleibt allen drei Filmen nur die Flucht vor (technischen) Unterdrückungsmechanismen. Einzig Logan’s Run zeigt, dass Hollywoodkino und philosophische Themata durchaus eine kohärente Einheit bilden können.

Cinepolitik

Sozialwissenschaftliche Kommentare, Analysen, Interpretationen und Essays zu Filmen/ Filmreihen und Serien, insbesondere Science-Fiction

Januar 2008
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