Der Horrorfilm weist eine Tradition auf, die bereits 1910 mit den ersten Frankenstein-Verfilmungen begann. In den 50ern und 60ern waren die Filme der britischen Produktionsfirma Hammer (u. a. die Christopher-Lee-Dracula-Filmen) populär; diese frönten weitestgehend einem viktorianischen Eskapismus Poe’scher Prägung.Im Zeichen dieser Entwicklung sind die ersten Splatterfilme zu sehen: Im Mittelpunkt von Die Nacht der lebenden Toten steht eine Horde Zombies, die eine Gemeinschaft Gejagter zu attackieren und assimilieren versucht. Zombies sind allein triebgesteuerte, Menschenfleisch fressende, auf Expansion der Gruppe fixierte Untote (die deshalb nur schwer zu „beseitigen” sind). Der Charakter des Zombies könnte zum einen metaphorisch für die Masse der Gesellschaft, die konsumfixiert und paralysiert alle anderen Werte ignoriert, stehen. Möglich wäre zum anderen eine Deutung, welche Zombies als revolutionäre Bewegung gegen das Verhalten der Massengesellschaft oder kollektivistische Gesellschaften im Allgemeinen sieht. Letztere Interpretation wird plausibel, zieht man Nachfolger Dawn of the Dead (1978) hinzu, in dem sich die vor den Zombies Flüchtenden in ein Einkaufszentrum zurückziehen, wo sie trotz der Notlage dekadent Champagner und Kaviar konsumieren und das Geld einer Bank zum Pokern nutzen.
Im Fokus der Filme steht des Weiteren die Gruppensoziologie; das egoistische Verhalten einzelner provoziert eine Krisensituation, die letztendlich zum Zerfall und Untergang führt. In Die Nacht der lebenden Toten ist es Harry, der nur seine eigenen Interessen verteidigt und sich im Keller versteckt hält, anstatt Ben bei der Verbarrikadierung des Hauses gegen die herannahenden Zombies zu helfen. Nach einem misslungenen Fluchtversuch öffnet Harry dem zurückkehrenden Ben zunächst nicht die Tür, weshalb dieser beinahe von den ihm folgenden Zombies gefressen wird. Der Streit eskaliert und Ben schießt auf Harry, der verletzt die Treppe hinunterstürzt und von der eigenen Tochter, die sich nach anfänglicher Infizierung nun vollständig in einen Zombie verwandelt hat, gefressen wird und fällt somit seinem Egoismus zum Opfer. Ben bleibt letztlich der einzige Überlebende, wird aber tragischerweise von den Rettern für einen Zombie gehalten und erschossen.
Die Rolle der Medien wird in Dawn of the Dead vertieft. So ist unter den Flüchtenden ausgerechnet ein im Hubschrauber fliegender Verkehrsberichterstatter eines Fernsehsenders, der eine vorübergehende Rettung ermöglicht. Nach dem Rückzug in ein Einkaufszentrum können die dort eingeschlossenen über Fernsehen und Radio den Siegeszug der Zombies und den Untergang der Menschheit mitverfolgen. Nichtsdestotrotz richten sich die Fliehenden dort häuslich ein und nutzen die konsumatorischen Ressourcen. Parabolisch wird hier die mediatisierte Gesellschaft der USA aufgegriffen, die zwar den Schrecken von Kriegen und Katastrophen über die Medien erfährt, darauf aber lethargisch und abgestumpft reagiert, der Aufschrei erfolgte erst durch katalysierte Artikulation der Studentenbewegung.
Eine Fabel der Zombiefilme, insbesondere der immanente Kannibalismus, lässt sich somit reduzieren auf den permanenten Selbstzerstörungstrieb des Menschen, der im Zuge menschengemachter, globaler Klimaveränderungen omnipräsent ist.
Die Geschichte des Western-Films begann 1903 mit Der große Eisenbahnraub. Das Genre gewann ständig an Popularität und erreichte seinen Höhepunkt zwischen den 30ern und 50ern. Erst spät etabliert sich eine nachdenkliche und realistische Variante mit z. B. Der schwarze Falke (1956), aber verstärkt erst Ende der 60er und Anfang der 70er in Sie kannten kein Gesetz (1969) oder Pat Garrett jagt Billy the Kid (1973), aber auch in den „Italo-Western” (u. a. die Django-Filme ab 1966 oder Spiel mir das Lied vom Tod (1968)). Ab Mitte der 70er folgte der Niedergang des Genres, Western wurden nur noch vereinzelt produziert, z. B. der vielschichtige Der mit dem Wolf tanzt (1990) oder der schonungslose Erbarmungslos (1992).
Geht man von Niklas Luhmanns Systemtheorie aus, ist die Filmwelt Teil des kulturellen Systems, welches wiederum Teil des sozialen Systems ist. Die verschiedenen Systeme sind zwar autopoietisch und verfügen über einen einzigartigen, binären Code, z. B. Macht/ Nicht-Macht im System der Politik oder Ästhetik/ Nicht-Ästhetik im System der Kunst. Eine gegenseitige Beeinflussung zwischen verschiedenen Systemen ist jedoch durch aus strukturellen Kopplungen erzeugte Pertubationen möglich: Eine strukturelle Kopplung zwischen Kunst und Ökonomie entsteht z. B. durch den Wert eines Kunstwerks oder die Produktionskosten.
Die Kopplung zwischen Politik und Kultur ist das Kunstwerk: So nutzen Filme Mythen, Traditionen und die Darstellung von kollektiven Werten zur Erzeugung von Emotionen. Es werden latente und intuitive, aber auch amorphe und unkalkulierbare Einstellungen aktiviert, so dass die politische Elite zumindest ein gewisses Interesse an der Steuerung dieser Komponenten entwickelt, um ihre Macht – den Code der Politik – auszubauen. Diese schwer zu kalkulierende Relationen erklären sich aus Luhmanns Verständnis von Kommunikation, eine Trinitas aus Information, Mitteilung und Verstehen, deren Gelingen durch „doppelte Kontingenz” (Ungewissheit über die Absichten des Gegenübers) unmöglich ist. Erst symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (Geld in der Wirtschaft/ Schönheit in der Kunst), sowie Technik und Medien (in einem allgemeinen Verständnis) erhöhen die Chance gelingender Kommunikation, da Mitteilung und Verstehen ausgeblendet werden, was zwar eine Komplexitätsreduktion bedeutet und die herausragende Rolle von Medien erklärt, gleichzeitig jedoch neue Unsicherheiten bezüglich des Gelingens schafft.
Glanz und Glamour der Filmwelt versprechen zudem neues Prestige, was ebenfalls eine Vergrößerung von Macht suggeriert. Da darüber hinaus die öffentliche Meinung Bindeglied zwischen dem System der Politik und dem System der Massenmedien ist und Filme eine Möglichkeit darstellen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, besteht großes Interesse beider Seiten an Partizipation.
Gerade der Western nutzt in hohem Maße von Mythen und Legenden und offenbart damit ein hohes Potential für strukturelle Kopplungen. Mythen sind eine überzeitliche, wenn nicht sogar zeitlose Verbindung von bestimmten Motiven, Traditionen und Werten. In Bezug auf den Western ist der konstituierende Gedanke der vielschichtige Begriff der „Frontier”, Grundprinzip eines jeden Western; dahinter steht der Auszug ins ferne, unbekannte Land durch die Figur des romantischen und ans mittelalterliche Rittertum erinnernden Cowboys (als Antipode zur Industrialisierung), also das mit Gefahren verbundene Überschreiten geographischer und persönlicher Grenzen. In den dabei gezeigten Konflikten kollidierten erneut binär kodierte Begriffspaare wie Moral und Begierde oder Hoffnung und Angst (z. B. Hoffnung auf ein besseres Leben, Angst vor einer unbekannten Zukunft).
Personifiziert wird die Auseinandersetzung zwischen Moral und Begierde in der Konstellation Gesetzeshüter vs. Outlaw, welche symbolisch für eine Auseinandersetzung zwischen positivem Recht und Hobbes”schen Naturgesetz steht. Die amerikanische Lebensweise bevorzugt durchaus das Naturgesetz – demonstriert in der positiven Konnotation des Outlaw, in der als adäquat angesehen Präsentation von informeller und schneller Problemlösung durch Gewalt, aber auch in den archetypischen Kämpfen zwischen Indianern und Siedlern, die als Zivilisationskampf gegen die Barbarei dargestellt werden.
All diese Motive sind Bestandteil des amerikanischen Gründungsmythos und der Ursprung typischer, allgegenwärtiger Nationaltugenden wie Pioniergeist und Individualismus (Selbstverwirklichung, Selbstverteidigung). Die durch die Filmwelt projizierten Mythen sind strukturelle Kopplungen zu zahlreichen anderen gesellschaftlichen Subsystemen. So werden mit der Rezeption des Frontier-Mythos aktuelle Politik und die nationale Entstehungsgeschichte mit der kulturellen Sphäre des Films des verbunden. Eine ähnliche Funktion übernehmen Medien per se; über Themen bieten sie verschiedene Verbindungen zu anderen gesellschaftlichen Subsystemen. Sie ermöglichen zudem eine „Beobachtung zweiter Ordnung”, das Beobachten und Analysieren des eigenen Standpunkts (was zu Emergenz des Systems führt). Besonders audiovisuelle Fiktion ermöglicht diese „Beobachtung zweiter Ordnung”, eine Selbstverortung und -findung des Betrachters, und koppelt laut Luhmann direkt an die Funktion von Mythen an; Luhmann sieht hier eine Nacheinander, ein Nebeneinander ist aber ebenso plausibel.
Die Möglichkeit sich und seine Geschichte (wieder) zu entdecken und gleichzeitig den Rahmen des Realen zu sprengen, macht den Reiz eines Spielfilms aus. Eben hier knüpft der Western mit seiner Verwurzlung in der amerikanischen Mythologie und seinem Subtext an, der auch latente Prozesse einschließt. Dieser Antagonismus aus Fiktion und Nonfiktion offenbart die Alltagsdarstellung im Western, die allgemein einen geringen Realitätsbezug aufweist und eine Schöpfung der Populärkultur ist; die Welt des auf dem Pferd turnenden Indianers oder des Lasso schwingenden und Kunst schießenden Cowboys erinnert eher an den Zirkus und weniger an den rauen Alltag der Besiedlung Nordamerikas. Gleichzeitig suggeriert der Western den Anspruch zentrales Moment der us-amerikanischen Kultur zu sein.
Doch der Western schafft nicht nur Verbindungen zur Sozialisationsgeschichte, sondern auch zur aktuellen politischen Lage und multipliziert den Selbstfindungsprozess. High Noon/ Zwölf Uhr mittags (1952) lässt sich sowohl als konservative Verwirklichung des amerikanischen Individualismus, als auch als Parabel auf die Kommunistenjagd interpretieren: Sheriff Will Kane zum Einen als von allen im Stich gelassener, wackerer Einzelkämpfer, der sich mutig der Gefahr stellt und zum Anderen eine Gesellschaft, die unbarmherzig und gegen ihre Überzeugung (die überzeugte Quäkerin und Gewaltgegnerin Amy Miller greift zur Waffe) das Fremdartige, die Outlaws, also den Kommunismus ausmerzt.
Über Luhmanns komplexes System der strukturellen Kopplung lassen sich anschaulich die Verbindungen gesellschaftlicher Subsysteme und deren innere Funktion erklären. Der Western mit seiner mythologischen Verwurzelung in der amerikanischen Geschichte bietet besonders viele Kopplungsmechanismen, was die breite gesellschaftliche Relevanz des Genres und das Interesse anderer Subsysteme erklärt. Für die Filmwelt üblich wird hier besonders intensiv mit binären Begriffpaaren wie gut/ böse, Moral/ Amoral oder Liebe/ Hass gearbeitet. Der über die USA hinausreichende Erfolg leitet sich aus dem bisweilen basalen und universalen Charakter der mythologischen Motive ab.
Sozialwissenschaftliche Kommentare, Analysen, Interpretationen und Essays zu Filmen/ Filmreihen und Serien, insbesondere Science-Fiction
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
|---|---|---|---|---|---|---|
| << < | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 |
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 |
| 27 | 28 | 29 | 30 | |||