Kategorie: Reihe/ Serie

06.05.09

Permalink 21:25:41, von tastenmeister Email , 2643 Wörter, 345 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Reihe/ Serie, Science-Fiction, Action

Predator

Predator von 1987 mit Arnold Schwarzenegger in der Rolle des Major Dutch Schaefer – Anführer einer Spezialeinheit, welche im Dschungel Zentralamerikas einen Minister aus den Fängen von Rebellen retten soll und dann mit einem außerirdischen Jäger konfrontiert wird – ist nicht nur ein SF- und Actionfilm, welcher den Kalten Krieg aufgreift, sondern darüber hinaus auch eine Analogie auf den Vietnamkrieg und eine Studie über das Wesen des Menschen.
Eine Zusammenfassung der Handlung und weitere Informationen finden Sie auf wikipedia.

Die Anfangsszene mit dem die Erdatmosphäre penetrierenden Predator-Raumschiff signalisiert, dass die Handlung auf einen Konflikt zwischen Mensch und Predator hinauslaufen wird. Doch zuerst tritt die Alien-Handlung in den Hintergrund.
Wie auch Rambo ist Dutch Schaefer ein integrerer Kämpfer mit moralischen Richtlinien. Er misstraut „denen da oben“ in Gestalt von General Phillips, ganz besonders aber dem ehemaligen Kameraden und nun sinistren CIA-Agent Major Georg Dillon; auf einen Auftrag in Berlin ist Schaefer durchaus stolz, einen ebensolchen in Libyen hatte er mit der Begründung sie seien keine Mörder abgelehnt, was der skrupellose CIA-Mann nicht nachvollziehen kann. Dabei ist die moralische Haltung auch ein gewisses Kuriosum, wenn man die verrohte, primitive Truppe Schaefers während des Hubschrauberflugs zum Einsatzort vorgeführt bekommt. Ein Bezug auf den Vietnamkonflikt ist, abgesehen von dem den Film bestimmenden Dschungelkampf gegen einen omnipräsenten Gegner, das Hören von Rockmusik während des Fluges, wie es bei Vietnam-Piloten vorkam.
Naheliegend ist es ebenso, die Mission in Südamerika als Anspielung auf die Einflussnahme der USA in ihrem „Vorhof“ zu sehen, u. A. die Invasion auf Grenada 1983 gegen den Sozialreformer Maurice Bishop, welcher mit Kuba und der Sowjetunion paktierte, die Unterstützung der Contras in Nicaragua seit der Machtübernahme der linksgerichteten Sandinisten 1979, die Operation „Just Cause“ in Panama 1989 maßgeblich wegen des in Drogenhandel und Geldwäsche verstrickten Oberbefehlshabers der panamaischen Nationalgarde Manuel Noriega oder auch die gescheiterte Invasion der USA in der Schweinebucht auf Kuba 1961 und der von der CIA gesteuerte Umsturz Jacobo Arbenzs in Guatemala 1954.

Aber die Analogie auf den mit der „Golf von Tonkin“-Resolution 1964 eskalierenden und 1975 mit der Einnahme Saigons endenden Vietnam-Krieg ist immanent. Trotz zahlreicher Bombardements und des massiven Einsatzes von Soldaten konnten die USA den Gegner Mitte der 60er nicht nennenswert einschränken. Ganz im Gegenteil wendete sich die Situation nach der nordvietnamesischen TET-Offensive 1968, welche zwar zurückgeschlagen werden konnte, aber verheerende psychologische Konsequenzen hatte, besonders auf die kritische Öffentlichkeit. Die „Vietnamisierung“ (weniger US-, mehr südvietnamesische Soldaten) unter Nixon, dessen Annäherung an China konnten eine Niederlage genauso wenig verhindern wie der der gelungene Rückschlag der nordvietnamesischen „Oster-Offensive“ 1972 und die anschließenden Verhandlungen: Nachdem 1973 die Bombardierung der kambodschanischen Rückzugsgebiete ausgesetzt wurde, sowie die finanzielle und militärische Unterstützung der USA für Südvietnam gekürzt wurde, konnte Nordvietnam bis 1975 den Sieg erringen.
Gründe für das Scheitern der Amerikaner war v. A. deren mangelnde Historizität: Man setzte sich nicht mit der Kultur eines Landes auseinander und versuchte den Feind mit gewaltigen Mengen Bomben niederzuringen. Diese Praxis zusammen mit dem brutalen Vorgehen gegen Kollaborateure führte jedoch eher zu einer Solidarisierung der südvietnamesischen Bevölkerung mit Nordvietnam. Im Rahmen des „Phoenix“-Programms verließ man sich auf südvietnamesische Spitzel, die den USA helfen sollte den Widerstand des Nordvietnam unterstützenden in Südvietnam operierenden „Vietcong“ (der umgangssprachlichen Bezeichnung für die „FNL-Guerillaarmee“) zu brechen. Diese missbrauchten die Amerikaner aber nicht selten für ihre eigenen Interessen, so dass letztlich Unschuldige zu Tode kamen. Zudem waren die amerikanischen Soldaten nicht auf einen Guerilla-Krieg im Dschungel vorbereitet: Der Feind war omnipräsent und kämpfte einen asymmetrischen Krieg, wie er heute im Irak und in Afghanistan stattfindet, was die US-Truppen erheblich unter Druck setzte und die Kriegsführung weiter brutalisierte. Dies führte zu zahlreichen Eskalationen; gut dokumentiert ist z. B. das Kriegsverbrechen von My Lai, bei dem US-Soldaten zahlreiche Zivilisten ermordeten.

Die erste Eskalationsstufe des Films wird erreicht, nachdem die Spezialeinheit die Opfer des Predators findet: Es handelt sich um einen Teil der Besatzung des abgestürzten Hubschraubers, die bestialisch gehäutet und kopfüber an Bäumen aufgehängt sind. Das Häuten stellt eine Parallele zu tribalen Völkern her, bei denen das Sammeln eines Skalps als Trophäe üblich war. Darauf beginnt sich in der Truppe ob des animalischen Feindes im unübersichtlichen Dschungel Unruhe auszubreiten. Diese Angst steht archetypisch und symbolisch für die jungen, unerfahrenen Soldaten, die vom US-Militär bevorzugt an vorderster Front eingesetzt wurden. Diese trafen im „Herz der Finsternis“ (als Symbol für brutale Ausbeutung und undurchdringlichen Dschungel) auf den tellurischen und autochthonen nordvietnamesischen Partisanen schmittscher Prägung, der jederzeit auftauchen und verschwinden konnte und den Feind mit archaischen Fallen demoralisierte. Z. B. Gruben mit Bambusspitzen oder einfache, aber tödliche Sprengfallen, siehe dazu auch Taktiken im Vietnamkrieg.
Kurz darauf trifft die Eliteeinheit auf das Lager der Rebellen, deren Militärexperten russische Militärberater sind. Nachdem Schaefer die Exekution einer Geiseln beobachtet, wird das Lager gestürmt und alle Rebellen bis auf eine Frau, Anna, werden getötet. Sie finden die Geiseln ermordet auf. Nun stellt sich heraus, dass der Minister niemals existierte und dass es sich bei den Geiseln um CIA-Mitarbeiter handelt: Die anfängliche Geschichte sollte nur der Köder sein, um Schaefer zu überzeugen den Auftrag anzunehmen, der in Wahrheit keine Rettungs-, sondern eine Tötungsmission war.
Der menschliche Feind ist nun besiegt, routiniert und erfolgreich, wie es sich für einen US-Leinwandsoldaten gehört. Vielleicht war Schaefer dabei auch seine aufgrund des Namens naheliegende teutonische Vergangenheit, sprich seine deutsche Gründlichkeit, von nutzen? Die die Rebellen unterstützenden russischen Militärberater stehen für den sinistren Feind im Hintergrund, der die Bedrohung erst ermöglicht. Dies waren im Fall des Vietnamkriegs, die Sowjetunion und China. Nordvietnam verstand es jedoch durchaus die beiden Großmächte gegeneinander auszuspielen um Unterstützung von beiden Seiten zu erhalten. Erst durch diese Stilisierung von einem Regionalkonflikt zu einem Stellvertreterkrieg wurde aus dem Vietnamkrieg ein Ereignis globaler politischer Bedeutung.
Die Soldaten werden auch von klandestinen Elementen in den eigenen Reihen bedroht in diesem Fall der CIA und der Generalität, ganz dem Klischee vom tapferen, kleinen Soldaten entsprechend. Diese Erfahrung steht beispielhaft für die politisch motivierte Kriegsstrategie in Vietnam, die wenig Rücksicht auf die regionalen Umstände und Probleme nahm. Bei der Schlacht um den sogenannten „Hamburger Hill“ (1987 von John Irvin verfilmt) vom 10. bis 20. Mai 1969 in der Nähe zur laotischen Grenze auf dem Hügel Dong Ap Bia, schickte die amerikanische Generalität trotz des geringen strategischen Werts zahlreiche Soldaten in ein Schützengrabengefecht und gab den Hügel nur wenige Tage später wieder auf. Diese Schlacht wurde in der Öffentlichkeit kritisch rezipiert und führte zu einer weiteren Vietnamisierung und dem damit einhergehenden Rückzug der USA.

Nun beginnt die zweite Eskaltionsstufe, der eigentliche Konflikt, der mit dem Predator; entsprechend oft wird nun in die Perspektive mit Wärmebildkamera und verzerrten Stimmen gewechselt. Das unsichtbare und überlegene Alien taucht aus dem Nichts auf und tötet nach dem „Zehn kleine Negerlein“-Horrorfilmschema die Mitglieder der Elitetruppe, nicht ohne sich von jedem eine Trophäe zu holen. Trotz seiner Fremdheit wird er dem Menschen dabei immer ähnlicher, der in der Menschheitsgeschichte selbst oft genug als überlegener Jäger aufgetreten ist.
Eine klischeehafte Komponente gewinnt das Duell zwischen dem amerikanischen Ureinwohner Billy und dem Predator, der als stereotyper Indianer Fährten lesen kann, das Unheil spürt und sich dem Alien schließlich mit einem Messer stellt.

Schließlich, und dies ist die dritte und finale Eskalationsstufe, stellt sich auch Dutch dem Predator in einem engen Tal, aus dem es kein Entrinnen gibt – die Örtlichkeit deutet das Eschatologische der Handlung an: Dutch findet durch Zufall heraus, dass sich der Predator täuschen lässt, denn der Außerirdische benutzt ein Infrarotsichtgerät, entsprechende Wellen lassen sich durch Schlamm tarnen. Schaefer begibt sich nun auf die gleiche Ebene wie der Gegner: Archaisch mit Schlamm beschmiert und zahlreiche Fallen installierend, wird er selbst zum tellurischen und autochthonen Kämpfer, der sich auf seine urmenschlichen Instinkte als Jäger und Sammler beruft, die jenen des Außerirdischen letztlich überlegen sind; hier sei besonders an die Sequenz erinnert, in der Schwarzenegger gleich einem archaischen Homo sapiens schlammbedeckt die Fackel schwingt (im Trailer zu sehen). Nur auf diese Weise kann der Predator als Verkörperung menschliche Urangst und High-Tech-Guerillero besiegt werden, nachdem moderne Waffen nicht die erwünschte Wirkung zeigte.
In der Realität des Vietnamkriegs kommt dies dem Versuch gleich, nach Napalmflächenbombardements und dem massiven Einsatz von Munition (amerikanische bzw. südvietnamesische Soldaten feuerten anfangs blindlings das ganze Magazin ihrer Maschinengewehre mit einer Salve leer), dem Vietcong in einem ebenfalls asymmetrischen Krieg gegenüberzutreten (Phoenix-Programm), der jedoch aufgrund der kulturellen Unkenntnis der USA zu einer Brutalisierung mit insbesondere zivilen Opfern führte. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist nur in wenigen Situationen eine angemessene (militärische) Strategie: Israel oder die USA werden regelmäßig mit dem Vorwurf des Kriegsverbrechens konfrontiert, wenn Sie gezielte Tötungsoperationen ausführen oder massive Gewalt anwenden, denn Rechtstaaten mit moralischen Richtlinien werden dabei an ihren eigenen Idealen gemessen. So scheiterten die USA auch mit dem Versuch Guantanamo als Gefangenenlager für „nicht-gesetzlicher“ Kombattanten institutionell zu legitimieren.
Dabei ist der Predator kein Low-Tech-Krieger wie z. B. die Taliban, welche mit Handfeuerwaffen und Selbstmordattentaten gegen einen hochgerüsteten Gegner mit modernsten Fluggeräten und schweren Waffen antreten, sondern ein technisiertes Monster mit automatischem Zielsystem, Schutzschild, der Möglichkeit praktisch unsichtbar zu agieren und sich mit einer Atombombe selbst zu zerstören. Er entspricht damit eher der US-Kriegsmaschinerie mit Tarnkappenbombern, lasergesteuerten Bomben und ferngesteuerten Drohnen. Die symbolischen Rollen in Predator wechseln zwischen den Protagonisten und sind nicht selten amorph angelegt, denn das Alien entpuppt sich antagonistisch zur High-Tech-Kampfmaschine auch als rudimentärer Jäger und setzt den Kampf zuletzt ohne seine Maske und Rüstung fort. Er beraubt sich somit seiner visuellen Überlegenheit und seines Schutzes um den Nervenkitzel zu steigern – selbstredend wird damit auch der Nervenkitzel des Zuschauers gesteigert, der nun das grausige Aliengesicht zu sehen bekommt. Diese Hybris wird dem Predator allerdings zum Verhängnis, da er den Menschen Dutch Schaefer unterschätzt und schließlich in den Selbstmord per Atombombe flieht.

Wer und was ist der Predator also? Er ist zum einen ein Symbol für den omnipräsenten und trotzdem unsichtbaren Gegner, wie er z. B. im Dschungel Vietnams zu finden war. Er vereint zudem den archaischen Jägertypus mit modernem High-Tech-Krieger und sprengt damit das Paradigma des Partisanen, der sich besonders auf seine Orts- und Kulturkenntnis beruft, aber mit unterlegenen Waffen kämpft. Das Alien ist zwar per se nicht erdverbunden, agiert jedoch in „seinem“ Jagdrevier. Dies bestätigt Anna, die aus Überlieferungen weiß, dass Predatoren die Gegen bereits häufiger in warmen Jahren aufsuchten. Die südamerikanischen Ureinwohner verstanden den Fremden jedoch nicht als Jäger, sondern als religiös-mythische Figur. In diesem Zusammenhang wird auch immanent, dass der Predator dem Typus Großwildjäger gleicht: Er jagt nur solche Beute, die auch eine gewisse Gefahr darstellt und damit Reputation verspricht. Dies offenbart Annas Erzählung „Wir finden unsere Männer. Manchmal ohne Haut und manchmal viel, viel schlimmer“, als auch der Umstand, dass der Predator an Anna kein Interesse zeigt (nebenbei ein schöner Beitrag zur Gender-Debatte). Die bestialische Zurschaustellung des toten Gegners entspricht der terroristischen Taktik die psycholgische Wirkung der Tat zu maximieren.
Das Sammeln von Trophäen verweist auf die Vergangenheit des Menschen. Der Film greift dies als tribalen Aspekt auf, denn der Indianer Billy nimmt die Nähe des Predators metaphysisch wahr. Trotzdem ist es der erst der moderne, hemdsärmlige Amerikaner, der den Predator als das erkennen kann, was er ist und diesen schließlich richtet: „Wenn es blutet, kann man es töten!“ Den Rückschritt in die eigene Geschichte symbolisiert bereits der Name des Fremden: Prä-Dator, also der Vorzeitliche, der aus der Vorzeit des (post)modernen Menschen stammt und symbolisch für das ursprüngliche Raubtier Mensch steht. Bindglied stellen hier die Ureinwohner dar, die für eine ursprüngliche Lebensweise stehen und noch in der Lage sind dessen Präsenz zu spüren.
In Reflektion auf das Wesen des Krieges bedeutet der Konflikt zwischen Mensch und Alien, dass eine Reduktion auf die eigenen Instinkte jeder Technik trotzen und diese überlisten bzw. zumindest ins Leere laufen lassen kann, was zahllose aktuelle Beispiele asymmetrischer Kriege in Afghanistan, in Israel oder im Irak verdeutlichen. Verfolgt man die Debatte über Kriegsführung weiter, stehen sich somit der distanzierte High-Tech-Krieg und unmittelbare Counter-Insurgency gegenüber: High-Tech-Waffen verfehlen ihre Wirkung bei einem dezentral und klandestin agierenden Gegner, gegen-terroristische Maßnahmen außerhalb oder auf der Grenze dessen, was Moral und Rechtsstaat zulassen (Folter, gezielte Tötung), führen wiederum zu einer Delegitimation des demokratischen Wertehorizonts.
Konsequent ist die Wahl des Schauplatzes für den weitestgehend redundanten Predator 2 (1990): Los Angeles als Schlachtfeld von Drogenbanden, eine machtlose Polizei und mittendrin der außerirdische Trophäenjäger. Die Stadt, der „Großstadtdschungel“ (wiederum ein Dschungel), der Häuserkampf ist mit seiner Unübersichtlichkeit eines der paradigmatischen Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts und Schreckgespenst aller Kriegsführer. Typisch für solche Szenarien ist, dass nun auch Zivilisten zu den Opfern gehören. Der Plot ist letztlich austauschbar, zuletzt kommt es erneut zum Kampf Mensch gegen Predator, der Mensch obsiegt und wird diesmal sogar von dessen Kameraden geehrt. Die Alien vs. Predator-Sequels von 2004 und 2007 reduzieren die Reihe schließlich auf einen Gladiatorenkampf.

Abseits der politologischen Debatten kann Predator nur bedingt überzeugen; der SF-Aspekt – so könnte man meinen – dient dabei als Mittel zur Erklärung von Plot-Ungereimtheiten. Versucht man den Einsatz von Waffen zu politisieren, z. B. als Aspekt zur seelisch-geistigen Befreiung (Franz Fanon), wird deutlich, dass der Film letztlich nur die eigene Redundanz zelebriert – der Predator holt die Toten, da er Trophäen sammelt: Töten dient nur als Mittel zum Zweck. Hieraus ergibt sich eine Inkohärenz bezüglich einer kritischen Aufarbeitung des Vietnamkriegs.
Letztlich ist diese Form autoreflexiver Gewalt inhärentes Merkmal jeglicher Action-Filme. Mit seiner innovativen SF-Action-Mischung, der Vietnam-Analogie (wenn man diese auf Taktik und Strategie bezieht und weniger als Kritik am Vietnamkrieg selbst) und dem sich aus dem Konflikt zwischen Prä-Dator und Mensch entspannenden Diskurs über das Wesen des Menschen und des Krieges, sticht der Film dennoch aus der Masse zeitgenössischer Actionfilme heraus.

30.12.07

Permalink 20:00:42, von tastenmeister Email , 2918 Wörter, 1614 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Reihe/ Serie

James Bond und der Kalte Krieg

Die Rezeption des bipolaren Weltbildes im Agentenfilm.

Exposee Magisterarbeit
Hinweis: Die Arbeit ist in überarbeiteter Form unter der ISBN 978-3-639-10936-8 im Handel erhältlich, z. B. bei Amazon.

James BondJames Bond 007 mit der Lizenz zum Töten im Dienste ihrer Majestät hat vor über vierzig Jahren in James Bond jagt Dr. No seinen archetypischen und stets erfolgreichen Kampf als fiktiver Kalter Krieger aufgenommen, der trotz Ende des Blockkonflikts bis heute andauert und überaus reale Handlungen provozierte: Der ehemalige KGB-Agent Oleg Gordiewski berichtete, dass die Sowjetunion den Filmen des fiktiven Agenten einen realen Aspekt abgewann: „Die Russen hatten die James-Bond-Filme gesehen. Sie sagten: ‹Schau dir nur ihre Technologie an…› Ich hatte Listen über Listen der raffiniertesten technischen Dinge, die der KGB zu stehlen versuchte.“[1] Auch CIA-Direktor Allen Dulles, HVA-Direktor Markus Wolf oder die US-Präsidenten John F. Kennedy und Ronald Reagan kannten und schätzten die Filmfigur – James Bond wurde zu einer „Ikone des Westens“ im Kampf der Systeme.
Der populäre britische Gentleman-Agent eignet sich aufgrund der langen Präsenz in den Kinosälen besonders gut für eine diachrone politische Analyse. Deshalb werden im Rahmen der Magisterarbeit fünf Filme der Reihe untersucht, in denen die Nähe zu den Phasen des Kalten Krieges besonders auffallend ist: Liebesgrüße aus Moskau (1963) entstanden kurz nach der Kuba-Krise, Man lebt nur Zweimal (1967), der von zunehmender Entspannung zwischen den USA und der UdSSR und der aufkommenden China-Angst geprägt ist, Der Spion der mich liebte (1976) aus der langen Entspannungsphase bis Ende der 70er, Der Hauch des Todes (1987), der deutlich von der vorangehenden Spannungsphase beeinflusst ist, Glasnost und Perestroika jedoch bereits andeutet, sowie Stirb an einem anderen Tag (2002), dessen Handlung rund um den Koreakonflikt angesiedelt ist.

Der Kalte Krieg wurde zur Blütezeit der Geheimdienste: Für Aufsehen sorgten z. B. seit den 50ern die für die Sowjetunion tätigen britischen Spione der „Cambridge Five“, die Attentatsüberlegungen und -pläne der CIA gegen Fidel Castro, welcher mit Gift präparierten Kugelschreibern oder Zigarren, mit vergifteten Pillen, einem kontaminierten Beatmungsgerät oder einer „Sprengmuschel“ getötet werden sollte und die Mordinstrumente, welche der KGB in seinem Geheimlabor „Kamera“ entwickelte, das dem des Tüftlers Q aus den Bond-Filmen in nichts nachstand. Hier wurden z. B. eine Zigarettenschachtel, die mit Zyanid vergiftete Spitzen verschießt oder Regenschirme, in deren Spitze sich giftige Rizin-Kügelchen befanden (welche auch gegen in den Westen geflohene Oppositionelle eingesetzt wurden), konstruiert.

Der Hollywoodfilm, dem die Bond-Filme zuzuordnen sind, wurde seit den Anfängen zur Propagierung von Feindbildern genutzt; während des Zweiten Weltkriegs stellten beispielsweise der Nazi oder Kamikaze eine besondere Inspiration dar, die auf Zelluloid gebannt wurde. Nach dem Krieg entwickelte sich der Sowjet zum personifizierten Bösen: „Dass die Themen des Kalten Krieges rasch ihren Niederschlag im Kulturbetrieb, vor allem der Literatur und dem Film fanden, ist wenig erstaunlich. Die Auseinandersetzung der Systeme war von Beginn an auch ein Krieg der Kulturen. Deutlich folgten Bücher und Filme den Konjunkturen des Kalten Krieges.“[2]

Grundlage für die Bond-Filme waren die Bücher Ian Flemings; dessen Inspirationsquelle war seine Tätigkeit für den britischen Marinegeheimdienst, den Naval Intelligence Service, während des Zweiten Weltkriegs: „However fantastic the story, there is always an element of truth in Bond.”[3] So erzielten die Filme von Beginn an eine enorme Breitenwirkung. Aus den zahlreichen Besprechungen stach besonders die negative (ideologisch motivierte) Kritik hervor; 007 wurde als „Pop-Faschist”[4], als faschistischer Sadist, Frauenfeind und Rassist[5] bezeichnet, man unterstellte ihm, er „hätte bei der SS Karriere machen können“[6] und fröne der puren „Killerlust“.

Kern der Filme und Garant des Erfolges ist das Element des „Bondian“: Ein möglichst britische Hauptdarsteller, britischer Patriotismus (z. B. der Union Jack-Fallschirms in der Auftaktszene von Spion), ein eingeschworenes und exklusives Produktionsteam, Stammschauspieler für bestimmte Rollen (Bond, M, Q, Miss Moneypenny), exotische Schauplätze, die Verortung der Handlung in der High Society, bacchantische Sexualität und brutale Gewalt, skurrile und/ oder verstümmelte Hauptgegner, Bonds „Gadgets“ (z. B. der legendäre, mit zahlreichen Extras ausgestattete, Aston Martin DB5) und eine zahlreiche Erzähltraditionen der modernen Populärkultur vereinende Narration.

Liebesgrüße, der von dem Versuch der internationalen Verbrecherorganisation SPECTRE handelt, James Bond nach Istanbul zu locken und dort zu ermorden, ist der Film mit dem ausgeprägtesten Spionagehintergrund innerhalb der Film-Reihe. Die Vorlage Flemings wurde jedoch in ihrer Deutlichkeit abgemildert: Im Roman waren noch Kommunisten der Hauptgegner, im Film nimmt SPECTRE diese Rolle ein, die Schachpartie zwischen dem Kronsteen und seinem kanadischen Gegner findet im Film in Venedig und nicht in Moskau statt. Immer wieder wird im Film versucht, das entspannte Verhältnis der Supermächte herauszustellen, zudem ist der weibliche russische Hauptcharakter Tatjana Romanova positiv konnotiert.
Die Feindbilder des Kalten Kriegs sind jedoch immanent: „From Russia with Love is the most political of the early Bond movies. […] For the first two-thirds of the film, Bond believes that he is up against the Russians, and the film draws explicitly upon Cold War tensions.”[7] Allein die Charaktere garantieren eine Analogie zwischen Filmwelt und Realität: Eine ehemalige Chefin des russischen Geheimdienstes – Major Klebb, eine Mitarbeiterin des russischen Konsulats – Tatjana Romanova, ein russischer Schachspieler – Kronsteen. Das streng-hierarchische System der Sowjetunion wird als korrumpierbar, skrupellos und brutal dargestellt, symbolisiert durch das Verhältnis Klebb-Romanova: Klebb kann als – wenn auch nur ehemalige und kriminelle – Repräsentantin der UdSSR Tatjana unverhohlen mit dem Tod drohen, falls diese es ablehnt an dem Komplott gegen Bond teilzunehmen.[8] Hier offenbart sich die mangelnde Transparenz des Sowjetsystems, denn Romanova weiß nicht, dass Klebb keine Funktionärin mehr ist. Romanova unterliegt als Repräsentantin des sowjetischen Systems Bond zuletzt auf sexueller Ebene, was auf den Systemkonflikt rückwirkt: ein Sieg des Westens.
Das erklärte Ziel der Verbrecherorganisation ist es den Kalten Krieg in die Eskalation zu treiben: „Ich bin überzeugt davon, dass der Kalte Krieg in Istanbul nicht mehr lange kalt bleibt!“[9], so der Bond-Gegner Grant zu Klebb. SPECTRE provoziert deshalb einen regelrechten „Stellvertreterkonflikt“ im Zigeunerlager, wo die für den Istanbuler Bond-Unterstützer Kerim Bey (also den Westen) arbeitenden Zigeuner von den mit den Russen kooperierenden Bulgaren attackiert werden.

Man lebt (1967) handelt von der Entführung mehrer amerikanischer und sowjetischer Raumkapseln durch die Verbrecherorganisation SPECTRE mit dem Ziel einen Dritten Weltkrieg zu provozieren. Der Film bezieht den als Bedrohung empfundenen chinesischen Aufstieg zur Weltmacht mit ein (die Auftraggeber des Bösewichts Blofelds sind Chinesen), die Darstellung einer sinistren Sowjetunion bleibt allerdings erhalten: Bond kann sich zu Anfang nicht vorstellen, wer außer den Russen hinter der Entführung stecken könnte[10], das amerikanische Militär unterliegt diesem Irrtum sogar bis fast zum Schluss. Die Handlung des Films kulminiert ähnlich wie die Kuba-Krise und endet beinahe in einem Krieg, der durch die Bond-typische finale Schlacht verhindert werden kann, womit der Aspekt des Militärischen betont wird. Der Film kritisiert zwar die Rollenautomatismen des Ost-West-Konflikts, bietet als Ausweg erneut nur weitere polarisierte, eindimensionale Feindbilder: Die Kooperation zwischen ultimativem Bösen und der chinesischen Regierung ist nicht weniger deutlich, als das sowjetische Feindbild wenige Jahre zuvor.

Wirklich erfolgreich wurde der seit 1973 den Superagenten verkörpernde Roger Moore mit Spion (1977), der konsequent die Entspannung zwischen Ost und West aufarbeitet: „While previous films had mostly detached themselves from the Cold War […], The Spy actually moves the series for the first time towards a positive ideology of détente.“[11] Im Film kommt es zu einer offiziellen Zusammenarbeit zwischen 007 und der russischen Agentin „XXX“, die gemeinsam den Drahtzieher mehrerer Atom-U-Boot-Entführungen ausfindig machen und die Zerstörung der Welt verhindern. Hier spiegelt sich die Zusammenarbeit der Supermächte bei der gemeinsamen Apollo-Sojus-Mission wieder. Der russische General Gogol stellt in der Schlüsselszene des Films, in der die beiden Agenten offiziell den Auftrag erhalten zu kooperieren, fest: „Damit beginnt eine ganz neue Epoche anglo-sowjetischer Kooperation“[12]. Die ehemaligen Konkurrenten werden zu „Waffenbrüdern“[13] und der Supergangster Stromberg kommentiert die Affäre zwischen 007 und XXX amüsiert: „Es ist kaum zu glauben – ein britischer Agent liebt eine russische Agentin. Das nennt man Entspannung.“[14]
Das Stereotyp vom Feind im Osten bleibt dennoch erhalten: In der Auftaktszene kommt es zum Duell zwischen russischen Agenten und James Bond. Der britische Agent wird als überlegen dargestellt, in der obligatorischen „Bond-verführt-Mädchen-Schlussszene“ kann Bond als Stellvertreter des Westens wieder einmal dominieren.

Nach dem kurzen, Star-Wars-inspirierten Weltraumeskapismus Moonraker (1979) kehrte mit dem Nato-Doppelbeschluss und sowjetischem Afghanistan-Einmarsch 1979 der Ost-West-Konflikt in die Bond-Filme zurück. In Hauch (1987) übernahm Timothy Dalton die Rolle und markierte, unter dem Einfluss von Actionhelden wie Rambo, einen harten, brutalen 007. Die Kritik sah einen „Lawrence von Afghanistan“ der dort trotz Glasnost das „Kalte Kriegesbeil“ ausgrabe[15], was die Forschung bestätigt: „The Cold War background is highly prominent, with much of the story taking place behind the Iron Curtain in Czechoslovakia […] and in Russian-occupied Afghanistan […]. The film takes for granted the existence of the secret war between Soviet and Western intelligence services, a war in which retain plays a prominent role.“[16] Der russische Agent Koskov inszeniert das „Smiert Spionem“-Netzwerk und versucht die Tötung britischer Agenten der Sowjetregierung anzulasten, womit wiederum die Briten zu der Ermordung General Puschkins provoziert werden sollen, der den Waffengeschäften Koskovs und des Waffen-/ Drogenhändler Whitakers (in Anlehnung an einen der Protagonisten der Iran-Contra-Affäre Oliver North) im Weg steht. Koskov kolportiert damit die üblichen Kalter-Krieg-Szenarien. Klischeehaft ist die Beschreibung einer von Kriminellen und Hardlinern durchsetzten russischen Regierung, die afghanischen Mujaheddin werden hingegen als gerechte und romantische Widerstandsbewegung gezeigt.
Man ist in Hauch aber um eine ausgewogene Darstellung bemüht. In Bratislava hilft eine Mitarbeiterin der Pipelinestation Bond bei der Organisation von Koskovs Flucht, der sowjetische General Puschkin wird positiv charakterisiert und der amerikanische Waffenhändler Whitaker sorgt mit seinem negativen Charakter für Ausgewogenheit.

In Lizenz zum Töten (1989) verschwindet der Kalte Krieg zwar kurzfristig aus der Filmreihe, sämtliche Filme nach 1990 greifen den Kalten Krieg jedoch wieder auf. In GoldenEye (1995) – der erste Bond mit Pierce Brosnan in der Rolle des britischen Agenten – geht es um den Diebstahl eines russischen Satelliten, mit dem eine Atombombe in der Atmosphäre gezündet werden kann, beteiligt an dem Diebstahl sind russische Militärs und der Showdown findet auf Kuba statt; schließlich wird Bond vom mittlerweile weiblichen M als „sexistische[r], frauenfeindliche[r] Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges“[17] bezeichnet. Der Morgen stirbt nie (1997) dreht sich um einen aufkeimenden britisch-chinesischen Krieg und eine britisch-chinesische Geheimdienstkooperation. Die Welt ist nicht genug (1999) wendet sich den Themen Terrorismus und Öl zu, ein Teil der Handlung spielt in der ehemaligen Sowjetunion und der Hauptgegner ist ein ehemaliger KGB-Agent.

In Stirb (2002) kulminieren die Kalter-Krieg-Reminiszenzen. Die Handlung ist um den Konflikt in Korea lokalisiert, der weit über das Ende des Kalten Kriegs hinaus besteht. Der Film wurde vom Sekretariat des nordkoreanischen „Komitees zur friedlichen Wiedervereinigung des Vaterlandes“ als „a deliberate and premidated act of mocking at and insulting the Korean Nation“[18] bezeichnet. Alexis Albion kommt zu folgendem Schluss: „It is evident that Pyonyang saw Die Another Day as a political threat.“[19]

Pierce Brosnan als Bond gerät bei dem Versuch einen Waffenhandel aufzudecken in Nordkorea in Gefangenschaft. Diese cineastischen illegalen Waffengeschäfte haben den Ursprung in dem tatsächlichen Versuch Nordkoreas, Devisen durch den Verkauf von Raketen, Drogen und Falschgeld zu erwerben. Zwischen Bond und dem Bösewicht Moon kommt es zu einem aufschlussreichen Dialog, in dem sich Moon über den Geltungsanspruch des Westens, der UN und besonders Großbritanniens lustig macht. Nach seiner Freilassung verfolgt Bond Zao, den Gehilfen des Oberbösewichts, in eine weitere kommunistische Bastion, nach Kuba; in einem Gespräch mit dem dort ansässigen MI6-Agenten Raoul werden die Differenzen zwischen Kapitalismus und Kommunismus diskutiert. Nach einer Auseinandersetzung in Island kann Bond mithilfe der NSA-Agentin „Jinx“ schließlich verhindern, dass Moon die demilitarisierte Zone überwinden und in den Süden einmarschieren kann.
Es existiert mit General Moon erneut eine moderate Gegenfigur, der deshalb von seinem eigenen Sohn Oberst Moon – der sich im weiteren Verlauf hinter der Maske des britischen Geschäftsmannes Gustav Graves verbirgt – getötet wird: „ Ich [General Moon] hatte gehofft, dass er [sein Sohn] durch eine westliche Erziehung zu einer Brücke zwischen unseren Welten werden würde.“[20] Der amerikanische Leiter der NSA Damien Falco wird als ordinärer amerikanischer Cowboy dargestellt; dieses rüpelhafte Verhalten kontrastiert mit dem britischen Selbstverständnis des Gentlemans, was polarisiert dem Verhalten britischer bzw. amerikanischer Soldaten in Afghanistan/ im Irak und dem der Bush-Regierung entspricht.

Wie zu Anfang gezeigt, ist der Einfluss der Filmreihe auf Personen des politischen Lebens immanent und nachweisbar. Filmwissenschaft und -theorie von Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, über Joseph T. Klapper und Bernard C. Cohen, zu Elisabeth Noelle-Neumann und nicht zuletzt die Frankfurter Schuler unter Theodor W. Adorno untermauern den impliziten Einfluss der Medien auch auf die Öffentlichkeit. So hat James „Bond [.. sogar] lange genug überlebt, um auf subtile Art die Operationsweise von CIA, MI6 und anderen weltweiten Geheimdiensten mitzugestalten.“[21]

Der Erfolg der Serie basiert auf der Mischung genuiner Tradition und dynamischer Moderne: „[T]he Bond films have responded to changes in the film industry, film culture, and society at large, keeping apace of changing tastes and popular attitudes. Their conspiracy plots have reflected changes in the international political situation, from Cold War to détente and back again, before relocating themselves in the ‘new world’ of the 1990s“[22]: Das Feindbild wandelte sich entsprechend der Spannungs- und Entspannugsphasen vom „bösen“ Russen (Liebesgrüße (1963)), zum „bösen“ Chinesen in Goldfinger (1964) und Man lebt (1967). Analog zur nachlassenden kommunistischen Bedrohung in den 70ern wurden die Bond-Bösewichter wie Mr. Big oder Scaramanga zunehmend unpolitisch. Die west-östliche Kooperation in Spion (1977) blieb ein singuläres Ereignis, danach verfiel die Serie Anfang der 80er zurück ins bipolare Weltbild mit sowjetischen Hardlinern, kubanischen und DDR-Killern in In tödlicher Mission (1981) oder Octopussy (1983). Hauch (1987) deutet Glasnost und Perestroika bereits an und 1989 wurde der völlig unpolitische Lizenz zum Töten veröffentlicht, Ausdruck der Systemtransformation im Osten. Schließlich folgte eine vom Karma des Kalten Krieges zehrende Phase ab Goldeneye (1995), die die zahlreichen ungelösten Konflikte aufgreift.

Nicht selten erwiesen sich die Autoren der Serie dabei als äußerst hellsichtig: In Im Geheimdienst ihrer Majestät (1969) bedroht Blofeld die Welt mit einem Unfruchtbarkeitsvirus – AIDS wurde erst 1981 entdeckt; die satellitengestützte Laserwaffe im Weltraum aus Diamantenfieber (1971) oder der solarbetriebene Laser aus Der Mann mit dem goldenen Colt (1974) hätten Blaupausen für das SDI-Programm von Präsident Reagan sein können: „[…] Fleming himself may stand as something of a prophet in predicting a post-Cold War terrorism, complete with radical cells of “sleepers”, biochemical weapons, and a kind of invisibility that the old and monolithic Soviet Union could never have achieved.“[23]


[1] Zitiert nach: James Cork: James Bond. Die Legende von 007. München 2002, S. 50.

[2] Bernd Stöver: Der Kalte Krieg. München 2003, S. 59f.

[3] Steven Dorril: MI6. Fifty Years of Special Operations. London 2000, S. 610.

[4] Vgl. Penelope Gilliat: Laughing it off with Bond, in: Observer, 13.10.1963, zitiert nach: James Chapman: Licence to Thrill. A Cultural History of the James Bond Films. London New York 1999, S. 98.

[5] Vgl. Philippe Pilard: 003 Visages de James Bond, in: Image et Son Nr. 184 (Mai 1965), zitiert nach: Alexis Albion: Wanting to Be James Bond, in: Ian Fleming & James Bond. The cultural politics of James Bond. Hg. v. Edward P. Comentale et al. Bloomington 2005, S. 208.

[6] Basler Zeitung, 23.06.1977, zitiert nach: Hans-Otto Hügel: Spieler und Spion – eleganter Profi und Mann von Welt, in: Montage/AV, Jg. 8 (1999), H. 2, S. 10.

[7] Chapman, Licence to Thrill, S. 93.

[8] Vgl. Liebesgrüße, 0:16.40.

[9] Ebd., 0:30.45.

[10] Vgl. Man lebt., 0:12.00.

[11] Chapman, Licence to Thrill, S. 186.

[12] Spion, 0:49.30.

[13] Ebd., 1:20:05.

[14] Ebd., 1:50.45.

[15] Vgl. Martin Halter: Die doppelte Null-Lösung, in: Badische Zeitung, 14. 08.1987.

[16] Chapman, Licence to Thrill, S. 234.

[17] Hauch, 0:44.00

[18] Unbekannt: New York Times, 15.12.2002, zitiert nach: Alexis Albion: Wanting to Be James Bond, in: Ian Fleming & James Bond. The cultural politics of James Bond. Hg. v. Edward P. Comentale et al. Bloomington 2005. S. 219.

[19] Ebd., S. 214.

[20] Stirb, 0:18.30.

[21] Cork, James Bond, S. 7.

[22] Chapman, Licence to Thrill, S. 272.

[23] Edward P. Comentale: Introduction, in: Edward P. Comentale et al: Ian Fleming & James Bond. The cultural politics of James Bond. Bloomington 2005. S. XI.

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Kategorien: Reihe/ Serie, Science-Fiction

Das in Star Trek – Raumschiff Enterprise entworfene Gesellschaftsbild

Star Trek XI

1966 begann die Geschichte des von Gene Roddenberry erschaffenen Raumschiff Enterprise. Captain Kirk und Lieutenant Spock wurden zu internationalen Berühmtheiten und es folgte eine Erfolgsgeschichte mit mehreren Sequels, Prequels und Spin-Offs, welche mehrere hundert Folgen umfassten. Besonderen Erfolg hatte die Serie mit Raumschiff Enterprise – Das neue Jahrtausend, das 1987 startete. Parallel zur Serie gab es seit 1979 zehn inhaltlich locker an die Serie(n) angekoppelte Kinofilme.
Der Erfolg der Serie ist nicht zuletzt auf den Konflikt der Supermächte um den Weltraum zurückzuführen, der 1957 mit dem Sputnik-Schock durch die UdSSR eingeleitet wurde, die 1961 mit Sergej Kuroljow auch den ersten Menschen in den Weltraum transportierte. Erst 1969 konnten die USA triumphieren, als Neil Armstrong den Mond betrat. Präsident Reagan initiierte 1983 die „Strategic Defense Initiative“ (in der Öffentlichkeit „Star-Wars-Programm” genannt), welche die Stationierung von Abwehrraketen im Weltraum vorsah, und verhalf so dem Thema trotz ohnehin immenser Popularität zu weiterer Relevanz.

Kern aller Serien und Filme ist ein Raumschiff (nur im Falle von Deep Space Nine eine Raumstation), das mit unterschiedlichsten Aufträgen den Weltraum erkundet. Die Vorstellungen der Welt im 24. Jahrhundert wirken konservativ: Die Erde kann erst nach einem Dritten Weltkrieg im 21. Jahrhundert zu globalem Frieden finden und schließt sich darauf einer interstellaren Gemeinschaft, der Vereinten Föderation der Planeten, an - eine Spiegelung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs (Roddenberry war Pilot im Zweiten Weltkrieg) und der Gründung der UNO. Die Vorstellung extraterrestrischer Rassen orientiert sich Größtenteils am Vorbild Mensch, das durch eine entsprechende Maske verfremdet wird. Verschiedene menschliche Wesenszüge werden polarisiert auf verschiedene Spezies projiziert, gleich einer Spaltung des Bewusstseins, Vulkanier (z. B. Spock) sind logisch und rational, Klingonen (z. B. Worf) impulsiv und wild, Ferengi (Quark von Deep Space Nine) kapitalistisch und Betazoide (z. B. die Halbbetazoide Deanna Troi) sind empathisch veranlagt und sensibel. Diese anthropologische Komponente in Form offenbart sich in Genesis (Folge 171/ Staffel 7): Durch einen Virus degenerieren die Besatzungsmitglieder auf verschieden Stadien der Evolutionsgeschichte – die menschlichen Crewmitglieder werden Amphibien oder Urmenschen, die nicht-menschlichen fallen entsprechend ihrer Entwicklungsgeschichte zurück. In dieser Episode treten einerseits die Differenzen, andererseits die Gemeinsamkeiten aller Spezies hervor, gleichzeitig werden Vergangenheit und Zukunft im Angesicht der Evolution miteinander verknüpft und dadurch ein Selbstfindungsprozess ausgelöst.

Die Räumlichkeiten des Raumschiffs – selbst die Privaten – wirken Funktional, für Individualität bleibt kaum Platz; gleiches gilt für die Kleidung, die in den meisten Fällen die Uniform ist (welche nur äußerst selten nicht getragen wird). Das maßgebliche Organ ist die „Sternenflotte”, eine zwar weitestgehend friedliche Vereinigung mit wissenschaftlichem Profil, in ihrer Struktur aber am ehesten eine militärische Gattung (der Marine): Ein Kapitän leitet das Schiff, z. B. James Tiberius Kirk auf der ersten Enterprise und Jean-Luc Picard auf dem Neuen Raumschiff Enterprise, auch die weiteren Positionen sind ebenenfalls von Personen besetzt, die entsprechende Ränge bekleiden, bei Das neue Jahrtausend der Erste Offizier William Ryker, Zweiter Offizier und Wissenschaftsoffizier Commander Data, Sicherheitschef Lieutenant Worf. Es gehören zwar auch Personen zum engeren Führungskreis, die im militärischen Kontext nicht zwingend üblich sind, bei Das neue Jahrtausend Counselor Deanna Troi, eine psychologische Betreuerin, die aber auch den Rang eines Commanders inne hat oder die Schiffsärztin Dr. Beverly Crusher, ebenfalls im Rang eines Commanders. Maßgebliche Instanz in Krisensituationen ist jedoch stets die Person mit dem höchsten Rang.

Die alle Science-Fiction- oder Fantasy-Serien/ -Filmen stellt auch Raumschiff Enterprise eine Form der Realitätsflucht dar, doch existieren zahlreiche Parallelen zur Welt des 21. Jahrhunderts. Alleine die Besetzung des Ersten Raumschiff Enterprise mit einer farbigen Frau (Lieutenant Uhura), einem Asiaten (Lieutenant Sulu) und einem Russen (Fähnrich Chekov), wirkt sehr bemüht als repräsentative Darstellung des amerikanischen Melting-Pot. Die Auseinandersetzung der Föderation mit den Klingonen in den ersten Star-Trek-Filmen erinnert parabolisch an den Systemkonflikt der Supermächte; überdeutlich in Star Trek VI – Das unentdeckte Land 1991, wenn die Explosion des Hauptenergiezentrums der Klingonen zur Kooperation mit der Föderation führt – die Explosion ließe sich als Tschernobyl oder viel allgemeiner als Systemzusammenbruch der UdSSR deuten, der den Osten dazu zwingt sich dem Westen zu nähern. Bisweilen werden die ebenfalls der zeitgenössischen Realität entstammenden Themen Gehirnwäsche oder Spionage auf eine Weise verarbeitet, wie dies im Agententhriller üblich ist: In Verräterische Signale (Folge 98/ 4. Staffel/ Das neue Jahrtausend) wird Geordi einer Gehirnwäsche unterzogen um als Attentäter zu dienen, in Wiedervereinigung? (Folge 107 und 108/ 5. Staffel) wird Spock verdächtigt zu den Romulanern übergelaufen zu sein, in Geheime Mission auf Celtris Drei (Folge 136 und 137/ 6. Staffel) werden Picard, Worf und Crusher mit einem Geheimauftrag, zu den Cardassianern geschickt und in Das Gesicht des Feindes (Folge 140/ 6. Staffel) ist Deanna als Romulanerin getarnt in geheimer Mission unterwegs.

Immanent werden die Parallelen, zieht man die immer wieder auftretende Rasse der Borg hinzu, eine Mischung aus Mensch und Maschine, die mental miteinander verbunden sind und stets kollektiv agieren; eine offensichtliche Anspielung auf den Kommunismus oder Faschismus bzw. ganz allgemein auf kollektivistische Gesellschaftsformen, wie den Islam oder Konfuzianismus und die damit im Antagonismus zum amerikanischen Individualismus. Im Spielfilm Star Trek: Der Erste Kontakt 1996 wird offenbart, dass die Borg über eine zentrale Führungsinstanz, die Borgkönigin, verfügen – zentrale Führung als elementares Merkmal des Kommunismus/ Faschismus. In Ich bin Hugh (Das neue Jahrtausend Folge 123/ 5. Staffel) versucht Captain Picard einen verletzten Borg, der auf der Enterprise rehabilitiert wird, Individualität zu lehren, damit dieser den Keim der Individualität in das Kollektiv trägt – mit diesem Hintergedanken unterstützten die USA Regimegegner in der UdSSR, um das System zur Implosion zu bringen.
Die „Oberste Direktive”, eine Nichteinmischungsdoktrin und der grundlegende Sternenflotten-Kodex, bestimmt das Handeln der Raumschiffcrew und führt immer wieder zu Konflikten: In Die Oberste Direktive (Folge 165/ 7. Staffel) erreicht Worfs Bruder nur durch einen Trick, dass die Enterprise den Teil eines Volkes rettet, dessen Planeten vor der Vernichtung steht und in Star Trek - Der Aufstand (1998) mischt sich die Besatzung der Enterprise ebenfalls in die inneren Angelegenheiten eines Planeten ein. Dies lässt sich als Auseinandersetzung mit der US-Politik, welche stets zwischen Zurückhaltung und Interessenvertretung oszilliert; weitgehend protektionistisch geprägt durch den Vietnam-Krieg und den Watergate-Skandal unter den Präsident Ford und Carter, herrschte unter den Präsidenten Reagan, Bush und Bush Jun. hingegen ein interventionistisches Selbstverständnis. Insgesamt entspricht die verfolgte außenpolitische Vorgehensweise der Sternenflotte am ehesten einem regulativen Liberalismus oder Institutionalismus und nur selten einem liberalen Imperialismus.

Star Trek Föderation

Die innere Struktur des projizierten Weltenbundes ist mal konventionell, mal fortschrittlich: Die „Vereinte Föderation der Planeten” beruht auf einer Verfassung mit demokratischer Tradition. Die entsprechende Institutionen sind ein gewählter, gesetzgebender Föderationsrat, der aus Repräsentanten aller Mitgliedswelten besteht und in San Francisco regelmäßig zusammenkommt, ein Föderationsratspräsident mit Sitz in Paris der den Rat leitet und ein Oberstes Gericht, das persönliche Freiheiten und Rechte schützt. Vorbild ist hier offensichtlich das amerikanische System und es entspricht dem amerikanischen Selbstverständnis, dass das zentrale demokratische Organ einer interstellaren Union nicht nur auf der Erde, sondern auf amerikanischem Boden tagt. Diese amerikanophile Sichtweise zeigt sich in Am Ende der Reise (Folge 172/ Staffel 7): Die Mannschaft der Enterprise wird mit der amerikanischen Geschichte konfrontiert, als es zu einer Neureglung der Grenzen zwischen der Förderation und den Kardasianern kommt und die Enterprise eine Umsiedlung von amerikanischen Ureinwohnern durchführen muss, da sich deren Planet nun auf kardasianischem Territorium befindet. Die Enterprise steht nun vor der schwierigen Aufgabe die Legitimität einer Minderheit, die in der Geschichte bereits einmal verfolgt wurde und in direkter Verbindung zur Gründung der amerikanischen Nation steht, und die Legalität eines Kontraktes abzuwägen. Nicht nur wird hier der „Frontier”-Gedanke aktualisiert, der Konflikt zwischen großem Ganzen und kleinem Detail beschäftigt politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt, besonders aber im Nahen Osten.
Progressiv ist die Vorstellung der zukünftigen Ökonomie: Die Wirtschaft ist nicht darauf bedacht Gewinne zu erzielen, Produkte und Dienstleistungen sollen den Menschen helfen und die gesamte Föderation verbessern. Durch die „Replikatortechnologie”, die es ermöglicht alle nur erdenklichen Dinge zu erzeugen, ist ein konventioneller Handel mit Geld unnötig, zum Handel mit anderen Welten wird die universelle Währung „Latinum” (diese ist nicht replizierbar) genutzt. Hier bewegt sich das Weltbild erheblich vom klassischen Kapitalismus, hin zu einer Form des Kommunismus. In diese Bild fügt sich der Umstand, dass Menschen nicht mehr länger für ihr Auskommen arbeiten müssen, sondern nur noch arbeiten, um sich zu entwickeln und der „guten Sache” zu dienen.

Der Name der Serie „Star Trek” verweist gleichwohl auf das mythologische „Go West”, die uramerikanische und konservative Vision einer permanenten Expansion, die in diesem Fall bis in den Weltraum mit dem Fixpunkt Nordamerika reicht, und unterstützt damit den Vorwurf eines Imperialismus, eines Feldzugs der Aufklärung und der Überlegenheit des amerikanischen Wertehorizonts. Dies aber auf latenter Ebene, manifest im Vordergrund stehen wissenschaftliche und diplomatische Missionen, in der Absicht friedlich zu kooperieren. So steht fest, dass sich auch das Raumschiff Enterprise des 24. Jahrhunderts nicht der Politik und den Strukturen des 21. Jahrhunderts entziehen kann.

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